Dienstag, 27. Dezember 2022

ENDE LEGENDE - Abschied ist ein bisschen wie Sterben...

IM RAHMEN MEINES BESUCHES DER FACHOBERSCHULE
für Agrarwirtschaft in Osnabrück-Haste absolvierte ich Anfang der 1980er Jahre drei Technik-Lehrgänge bei der Deutschen Lehranstalt für Agrartechnik (DEULA).

Dabei ging es um Technik und Techniken im Gartenbau - Glas schneiden und bearbeiten, Fenster einsetzen (bspw. in ein Gewächshaus), Pumpen zum Bewässern, Bewässerungsanlagen, Radlader, sonstige Arbeitsgeräte, auch das Pflügen mit einem Traktor, Hydraulikanlagen und Vieles mehr.


MEIN ERSTER LEHRGANG
fand im November 1980 im emsländischen Freren statt. Er war mit
"Agrartechnische Grundausbildung" überschrieben und beinhaltete das für mich überaus interessante Thema Motorentechnik.

Unter fachlicher Anleitung zerlegte ich Motoren und wurde intensiv über die einzelnen Bauteile und ihre Aufgaben im Motor unterrichtet. Anschließend wurden alle Bestandteile wieder fachgerecht zusammengesetzt. Zum Schluß wurde einfach aber wirkungsvoll überprüft, ob ich das Werk verstanden und alles ordnungsgemäß wieder zusammengebaut hatte: auch "mein" Motor wurde auf einem Teststand mit dem Ergebnis gestartet, dass er tatsächlich wieder einwandfrei funktionierte!

Das war natürlich ein tolles Gefühl und dieses Ergebnis äußerst motivierend. Damals war ich mir allerdings nicht mehr so sicher, ob ich an meinem Ziel, irgendwann mal Gartenbauingenieur zu werden, wirklich festhalten sollte.

BRAINWASHING
Genau deshalb erwartete mich anschließend der komplett demotivierende Monolog meines stets energischen Vaters - in solchen Momenten redete meistens ER mich schwindelig, ich hingegen wurde grundsätzlich plattgequatscht. Sein Redeschwall glich stets einer Hirnwäsche. Es war vollkommen illusorisch, meine Meinung oder meinen Willen kundzutun - die folgende Debatte endete für mich garantiert immer ohne Fluchtchance in stunden- schlechtestenfalls tagelanger Gehirnmanipulation.


Leider ein leidiges Trauma... aber mittlerweile abgehakt 

ÜBER VIERZIG JAHRE SPÄTER
ist mir natürlich klar, dass in solchen Fällen eine ausgewachsene Meuterei meinerseits sicherlich zielführender gewesen wäre. Doch mein Vater reagierte in solchen Situationen wie ein mittelalterlicher Despot: wer nicht parierte, wurde von ihm (vorsichtig ausgedrückt) körperlich gezüchtigt - vor diesen unzählige Male erlebten väterlichen Mißhandlungen hatte ich natürlich Angst!

Um diesem ständig drohenden Terror zu entgehen, erschuf ich im Laufe der Zeit gezwungenermaßen ein Paralleluniversum. Nach dem Motto "Manchmal ist es besser, tief einzuatmen und zu schweigen" erfuhr mein alter Herr also einfach von bestimmten Dingen optimalerweise gar nichts mehr - oder nur extrem zeitverzögert.

So entwickelte ich mich unbewusst zum Einzelkämpfer. Eine schon vor langen Zeiten durchgeführte professionelle Persönlichkeitsanalyse attestierte mir dann auch prompt und wenig überraschend, ein ausgesprochener "Lonely-Wolf-Typ" zu sein. Meine Erfahrung: wenn man sein Wesen erkannt und diese Erkenntnis vernünftig verarbeitet hat, kann man damit vollkommen unkompliziert leben.


Ich will, ich kann, ich werde

WIE EINE LEHRE
Der 1973er VW Transporter
den ich wenige Monate nach dem Frerener DEULA-Lehrgang bei Coca Cola - Heydt in Osnabrück für 150,- DM kaufte, musste zunächst TÜV-fähig gemacht werden. Das erledigte die Ein-Mann-Meisterwerkstatt von Wilfried Chlebowitz (Schleppi) am Drebber-Bahnhof. Hier wurde geflext, geschweißt, gedengelt, gefalzt und geschraubt. Ich war ständig in dieser Werkstatt dabei und half. Karosseriefachmann Wilfried war ein äußerst williger und redseliger Lehrherr. Er erklärte mir alles und überaus präzise, was ich für Arbeiten an einer Karosserie beachten und wissen musste. Auch das Schweißen zeigte er mir. Ich saugte dieses neue Wissen wie ein Schwamm auf. Diese Zeit war für mich also gewissermaßen wie eine Lehre. Zusätzlich las ich einiges an Fachliteratur, bildete mich daher quasi autodidaktisch weiter.

Dieses Wissen musste ich dann ein paar Jahre später auch dringend nutzen. Meine Eltern waren in Yugoslawien ausgerechnet mit meinem Bulli unverschuldet in einen schlimmen Unfall verwickelt. Die komplette Front des Fahrzeugs war im Eimer. Wir besorgten vom Schrott eine passende Front und tauschten sie in einer großen Schweißaktion aus.

Mein zweites Projekt in absoluter Eigenregie war 1987 der 1977er Renault R4 TL von meinem Opa. Der war krankheitsbedingt nicht mehr in der Lage Auto zu fahren. So bekam ich seinen zehn Jahre alten Renault. Modellbedingt war der Wagen schon vom Rost ziemlich angefressen. Die hinteren Kotflügel mussten erneuert werden - daher musste ich die Aufnahmen schweißen (woran hätte ich die neuen Kotflügel sonst befestigen sollen?). Einige Stellen mussten mit selbstgefertigten Reparaturblechen ausgebessert werden. Der Wagen wurde danach komplett neu lackiert und sah noch einige Jahre recht gut aus. Irgendwann kam jedoch die braune Beulenpest zurück.

Dann folgte 1991 mein erster T3 (von 1981), 1998 mein gelber 1974er K 70 LS (den ich monatelang aufwendig durchgeschweißt habe), 2002 mein marathonmetallicfarbener 1973er K 70 L, 2012 der tornadorote 1992er Multivan REDSTAR, 2014 das tornadorote 1987er VW Polo Fox Coupé und 2021 der silberne 1972er K 70 L von Sizilien.

SCHRAUBERETHOS
Auf meine "Karriere" als Hobby-Schrauber bin ich heute, in Zeiten von Schnelllebigkeit, wenig Ausdauer und minimalem Durchhaltevermögen durchaus stolz. Welcher normale Mensch kann in seinem Leben denn schon auf zehn erfolgreiche Fahrzeugrestaurationen zurückblicken? Man muss schließlich bei einer Fahrzeugrestauration einen ganz bestimmten Plan entwickeln und ihm folgen. Das Ziel dieses Plans kann eigentlich nur die Wiederinbetriebnahme eines Kraftfahrzeugs für den Betrieb im öffentlichen Straßenverkehr sein (... so war es jedenfalls stets bei mir!). Und die bis dahin anstehenden Arbeiten sind in unterschiedlichen Tiefen und Ebenen der Fahrzeugtechnik erfolgreich - und insbesondere im Hobbybereich bevorzugt qualitativ hochwertig - durchzuführen. 

Bei diesem Plan kann Aufgeben niemals eine Option sein. Aber: wenn ein Plan nicht funktioniert, dann ändert man den Plan, jedoch niemals das Ziel! Manchmal tröstet auch die Erkenntnis, dass nur starke Menschen schwere Wege bekommen! Meistens ist es aber schließlich, wie es ist. Am Ende wird, was man daraus macht!

PHILOSOPHISCH BETRACHTET
neige ich leider häufig zu wortgewaltigen Rechtfertigungen. Dabei versuche ich doch nur, möglichst plausibel meine Authentizität darzustellen. Das will ich mir allerdings unbedingt abgewöhnen! Genau genommen habe ich ein solches Verhalten nämlich gar nicht nötig. Über sechzig Jahre meines Lebens sind inzwischen vergangen. Mehr als sechs Jahrzehnte, in denen mir unglaublich Vieles passiert ist - Negatives wie Positives, Erschreckendes wie auch Kühnes, es gab dunkle aber glücklicherweise auch helle Zeiten.

"Je mehr man sich selbst findet, desto weiter entfernt man sich von einigen Menschen. Manchmal ist das eben so!"

"Du bist aber komisch geworden..." "Nein, bin ich nicht! Ich habe bloß aufgehört, für Alle der Depp zu sein und kümmere mich jetzt um MICH!"


Wie jeder andere Mensch auch, irre ich also immer mehr oder weniger zielgerichtet und erfolgreich durchs Leben. Ein nicht immer schnurgerader Pfad ist dabei wohl durchaus legitim. Ich habe buchstäblich inzwischen so viel Übung im Stolpern, dass andere glauben, ich tanze! Schließlich gibt es kein Patentrezept für das Gelingen eines Lebens. Und schlussendlich erreiche ich ja immer (m)ein Ziel.

"Leute, die hinter meinem Rücken über mich reden, sind genau da, wo sie hingehören. Hinter mir! Ich lasse sie stehen und gehe weiter!"

Auch wenn Außenstehenden meine Entscheidungen nicht immer nachvollziehbar, transparent oder begründet erscheinen, plane ich sie dennoch stets gründlich - trotzdem bin aber auch ich natürlich nicht unfehlbar!

LANGE REDE - KURZER SINN
Dem Restaurationsfinale am sizilianischen VW K 70 folgt ein in diesem Moment noch schmerzlicher Entschluss:

ohne weitere 
nötige Erklärungen oder Begründungen verkünde ich endgültig und unwiderruflich das
Ende der Phase meiner Fahrzeugrestaurationen. Der sizilianische K 70 ist somit mein letztes Projekt.

Das bedeutet, dass es für mich zukünftig keine NEUEN Restaurationsprojekte mehr geben wird!

Folgende Fahrzeuge bleiben meinem Fuhrpark erhalten:
1.) ... der VW Multivan REDSTAR,
2.) ... das Audi Kabriolet,
3.) ... der AUDI A2,
4.) ... der sonnengelbe VW K 70 LS,
5.) ... der silberne VW K 70 L "Siciliano"

Die Instandhaltung und Pflege dieser Fahrzeuge ist natürlich von meiner Entscheidung ausgeschlossen.

LASS ES WEHTUN UND DANN LASS ES LOS!
Es ist wahrscheinlich schwer vorstellbar, welch tiefe Traurigkeit in mir die Weitergabe meines marathonmetallicfarbenen 73er VW K 70 erzeugt.

Dieser Wagen, der mir in über zwanzig Jahren sehr ans Herz gewachsen ist... wird nun bald nicht mehr in meiner Garage zuhause sein.

Ein großer Trost ist allerdings, dass ich ihn in die Hände meines Sohnes Lukas übergeben kann. Er war damals als 10-Jähriger persönlich dabei, als wir den Wagen aus einem Hühnerstall in der Nähe von Weyhe bei Bremen bargen. Und er behauptet zurecht, durch dieses Erlebnis eine ganz besondere Beziehung zu dem Auto entwickelt zu haben. An dieser Stelle bin ich echt stolz, dass Lukas und ich offenbar aus dem gleichen Holz geschnitzt sind - wir sind in der Lage, eine (oftmals als Tabu verpönte) emotionale Beziehungen zu einem Auto aufzubauen. Eben dieses Gefühl sorgt bei mir nun für einen Trennungsschmerz.

Der Wagen wird also nicht aus der Welt sein, er bleibt glücklicherweise in der Familie.

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