Sonntag, 22. Januar 2023

Das Bobby Car Gen

Seit fast siebzehn Jahren bin ich inzwischen Fahrlehrer.

In meiner Fahrlehrerausbildungsstätte, dem Verkehrsinstitut Bielefeld, prophezeite man mir damals, dass ich einen großen Teil meiner Arbeitszeit mit der BE-Ausbildung beschäftigt sein werde. Und genauso ist es gekommen.


Gelernt ist gelernt

BE - Klasse der schweren Anhänger
Mit der Fahrerlaubnisklasse BE darf eine Kombination aus einem Zugfahrzeug der Klasse B (also einem PKW) mit einer zulässigen Gesamtmasse von maximal 3.500 kg mit einem Anhänger oder Sattelanhänger geführt werden, sofern die zulässige Gesamtmasse des Anhängers 3.500 kg nicht übersteigt.

Hintergrund der o.g. Bielefelder Behauptung war offenbar, dass das Oldenburger Münsterland, in dem die Fahrschule, für die ich arbeite, ansässig ist, national und international besonderes Ansehen durch Pferde genießt.

Das Glück dieser Erde...
Insbesondere junge Damen scheinen offenbar begnadete Springreiterinnen zu sein oder voltigieren zumindest. Auch die Pferdezucht ist hier im internationalen Stil vertreten. In Mühlen, nur wenige Kilometer von meinem Arbeitsort Lohne entfernt, betreibt der dreimalige Europameister und erfolgreiche Olympia-Teilnehmer Paul Schockemöhle u.a. eine große Pferdezucht inklusive Deckstation etc., Vechta ist zudem regelmäßig Pferdeauktionslocation - erst kürzlich setzte die Hengstauktion "Oldenburger Hengst-Tage" mal eben 3,5 Millionen Euro um.


Rückwärts links um die Ecke

Ich bin ehrlich: mit Pferden hab ich's nicht so! Eher mit Anhängern. Nicht nur Pferde-affine Fahrschüler nutzen daher meine beruflichen Fähigkeiten, ihnen das Fahren mit einem Anhänger beizubringen.

Immerhin: rund ein Viertel sämtlicher Prüfungen waren in der Vergangenheit Anhänger-Prüfungen.


BE-Ausbildung in den letzten Jahren: die orangefarbenen Balken stellen die Fälle der "nicht in der ersten Prüfung bestandenen Prüfungen" dar. Besonders auffällig ist der gestiegene Bedarf an BE-Ausbildungen in 2021 und 2022 - mutmaßlich eine Corona-Folge.


In den Fahrstunden machte ich recht früh eine komische Entdeckung. Mir fiel nämlich häufig auf, dass es manche Fahrschüler gab, die mit der BE-Grundfahraufgabe erstaunlich wenige Probleme, andere Probanden hingegen allein im Verstehen der nötigen Lenkschritte extreme Schwierigkeiten hatten.

Grundfahraufgabe
Die in der praktischen Prüfung generell vorkommende Grundfahraufgabe fordert "möglichst weit rechts anhalten und die Fahrzeugkombination nach links rückwärts fahren, ohne auf den Bordstein aufzufahren oder eine Fahrbahnbegrenzung zu überfahren. Die Fahrzeugkombination darf in der Endaufstellung maximal 1 Meter entfernt, parallel zum Bordstein oder zur Fahrbahnbegrenzung stehen." (bildliche Erklärung s. Abbildung)


Die BE-Grundfahraufgabe im Bild


Schwierigkeit
Wer noch nie mit einem Anhänger hinter dem PKW rückwärts gefahren ist, wird in solch einem Fall schnell die Problematik erkennen. Schiebt man den Anhänger mit dem Auto rückwärts und lenkt nach links, fährt das Anhängsel nach rechts... lenkt man rechts, fährt der Anhänger links. Zu dieser Aufgabe benötigt es also etwas Übung.

Interessante Erkenntnis
Mich interessierte nun, warum es einigen Fahrschülern leichter fiel als anderen. Deshalb befragte ich sie. Das Ergebnis fand ich beachtlich. Die Fahrschüler ohne Probleme hatten alle als kleine Kinder ein Bobby-Car mit Anhänger, wahlweise natürlich auch Kettcar oder Trettrecker mit Anhänger besessen. Offenbar haben sie also in ihrer Kindheit das Rückwärtsfahren fleißig geübt - davon profitieren sie nun in den BE-Fahrstunden.


Es war einmal...
Dass man das Autofahren trotz möglicherweise großer Fahrpausen immer noch beherrscht, merke ich immer nach der Urlaubszeit. Manchmal pausieren die Fahrschüler mehr als vier Wochen und befürchten vorher, nach den Ferien alles vergessen zu haben. Die erste Fahrt nach den Ferien ist es für sie dann nur die ersten paar Kilometer ungewohnt - danach stellen sie erstaunt fest, dass ja alles (selbst das Einparken) noch perfekt klappt. Ich erkläre ihnen grundsätzlich, dass das "Fahren" offenbar an besonderen Stellen im Gehirn abgespeichert wird - quasi ein Permanentspeicher oder zumindest ein nicht flüchtiges Read-only-memory (Speicherinhalt wird nur zum Lesen gespeichert - und wie beim Computer hält der Nur-Lesen-Speicher seine Daten auch im stromlosen Zustand 😀).

Fahrschulmodus
Ein anderes Thema in den Anhängerstunden ist oft, dass die letzte praktische Führerscheinprüfung bei manchen Fahrschülern möglicherweise schon sehr lange her ist. In der BE-Prüfung ist jedoch natürlich auch das 100%ige Stehen an Stopp-Schildern und roten Ampeln, die Bremsbereitschaft in Rechts-vor-Links-Situationen sowie auch die typische Verkehrsbeobachtung per "Spiegel, Blinker, Schulterblick" oder das schlichte zweihändige Halten des Lenkrads, garantiert prüfungsentscheidend.

Da haben sich oftmals unglaubliche Lässigkeiten eingeschlichen. Als Fahrlehrer muss ich manchen Fahrschüler daher sehr mühsam erst wieder in den Fahrschulmodus zurückholen. Im Fall einer durchgefallenen BE-Prüfung ist es nur gut, dass der Prüfer dem BE-Fahrschüler den normalen Führerschein nicht wieder abnehmen kann. Der missratene Erfolg ist schließlich ohnehin schon Strafe genug.


So sehen Sieger aus! Glückwunsch zum Anhänger-Schein!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen