29 September 2021

Der lang ersehnte Roadtrip - Teil 3

Im Sommerurlaub 2021 geht es, neben der Bergung des alten VW K 70 vom Ätna, insbesondere um Entspannung und Erholung. Sizilien bietet sich geradezu an, die körperlichen und emotionalen Stresssymptome der vergangenen Zeit wieder in ein normales Gleichgewicht zu bringen, jedenfalls empfinde ich es so. Aus meiner Sicht komme ich auf dieser Insel am besten aus dem Alltag. Und das ist kein schnelles, oberflächliches Empfinden, es hat sich in über dreißig Jahren entwickelt.

Momente, die eigentlich nie enden dürfen

Dieses Jahr nutzen wir ausschließlich unserer REDSTAR als Unterkunft. In keiner Ferienwohnung oder keinem Hotel wäre das Bett zudem so lang, wie in unserem Bulli - zwei Erwachsene finden bequem Platz - auch das ist eine Erfahrung vieler Jahre. Auch für Bad und Toilette ist gesorgt, wir dürfen nämlich in der überdachten Einfahrt vorm Haus unserer Freunde in Menfi stehen und ihre sanitäre Anlagen nutzen.


My home is my castle:
nirgendwo lässt es sich so gut schlafen wie in unserem REDSTAR










Der Platz unterm Dach der Hofeinfahrt eignet sich bestens für unseren Aufenthalt

Der Strand ist allerdings somit natürlich leider nicht mehr fußläufig in drei Minuten (so wie von der bisherigen Ferienwohnung aus) zu erreichen. Zum Strand brauchen wir nun mit dem Auto schon etwa eine viertel Stunde.

Doch auch dieser Ort hat seine Vorteile: wir stehen direkt am Strand und können somit auf alles, was man am dort so benötigt sofort zugreifen. Handtücher, Essen, gekühlte Getränke... dabei macht unsere Photovoltaikanlage auf dem Bullidach natürlich einen hervorragenden Job - sie ist in diesem Moment für die Stromzufuhr des bordeigenen Kühlschranks zuständig.

Ein anfänglicher Beach-Check über Lido Fiori, Lido Cipollazzo und Porto Palo bringt uns mal wieder auf den in dieser Reihe am südlichsten gelegenen Bertolino. Dort finden wir die von uns immer wieder bevorzugte Einsamkeit und eben die Möglichkeit direkt am Wasser zu parken. Dieser Strand ist somit "unser Beach 2021".


Lido Fiori bei Maria Stella del Mare


Lido Fiori bei Ristorante Flavia


Porto Palo di Menfi


Unser Beach 2021


Ein paar Ausflüge unternehmen wir natürlich auch. Wir besuchen z.B. das ein paar Kilometer östlich von Menfi in fast 1.000 Meter Höhe gelegene Bergdorf Caltabellotta mit atemberaubender, extrem kurviger Auf- und Abfahrt sowie gigantischem Ausblick.

Ein paar Tage später sind wir etwa 60 Kilometer weiter an der Saline di Marsala, einer sehr fotogenen Gegend an der westlichsten Küste Siziliens zwischen Marsala und Trapani. Hier wir durch Meerwasserverdunstung Salz gewonnen. Hier schlägt allerdings auch schon wieder der Tourismus zu: für das Abstellen des Autos auf einer Wiese wollen wilde Parkplatzwächter 2,- EURO. Rügen war gestern - ein paar Meter weiter stehen wir jedenfalls gratis.


Caltabellotta - ganz oben unterm Himmel


Kurvige Angelegenheit


Weitblick

Caltabellotta - in atemberaubender Lage


Es geht - wie immer - eng zu


Der spitze Berg heißt Pizzo di Caltabellotta




Cattedrale Caltabellotta 




Auch hier ist's eng

 

Going to Westcoast - Salina di Marsala 


Strandpromenade von Marsala


Salzgewinnung durch Verdunstung von Meerwasser


Die Mühle dient als Pumpwerk










Die Namensähnlichkeit ist rein zufällig

Inzwischen ist es Mitte/Ende September. Das Wetter ist auch für sizilianische Verhältnisse immer noch erstaunlich gut. Tagsüber gibt es manchmal über 30°C, nachts sinkt die Temperatur selten unter 18°C. Nachts haben wir mit Zanzare, Mücken, zu kämpfen. Obwohl das Fahrzeug inzwischen rundum mit Fliegengitter gegen die sirrenden Blutsauger ausgerüstet ist, überraschen die Mistviecher uns morgens mit ihrer Anwesenheit im Innenraum.


Nervige Mücken als Haustiere

Freundin Irene überzeugt uns mit ihren Kochkünsten. Sie präsentiert immer wieder sizilianische Spezialitäten, meistens volkstümliche Hausmannskost, wie sie wohl eher selten in Restaurants angeboten wird. Um der "Famiglia" nicht unnötig "auf der Tasche zu liegen", bezahlen wir die Einkäufe.

An meinem Geburtstag - dem 60. - gibt es drei Familienpizzen, eine Eistorte, sizilianische Süßigkeiten und Asti Spumante.


Mahlzeiten outside


Geburtstagsmenü: Familienpizza & Asti 


60 wird man nur ein Mal

Doch am Ende ist es wie bei jedem Urlaub - irgendwann müssen wir wieder zurück nach Deutschland.

Also mache ich den Anhänger mit dem K 70 reisefertig. Neben ein paar Zitronen-, Orangen- und Kumquatbäumchen findet auch eine Menge anderes Gerödel im Innenraum des Oldtimers Platz. Wir nutzen sein Transportvolumen gut aus.

Am Ende setzt die zulässige Anhängelast dem Ganzen Grenzen. Am Haken hängen jetzt gut zwei Tonnen Gewicht, der REDSTAR selbst dürfte so voll beladen auch nochmal in der gleichen Gewichtsklasse liegen - vier Tonnen auf dem Weg gen Norden. Hoffentlich kommen wir die ganzen Berge hinauf...


Die Hütte ist voll...





 

Startbereit

Um möglichst viele Steigungen zu meiden, wählen wir die erste Route nach Palermo per Autobahn. Die wenigen Steigungen bewältigt das Gespann souverän.

Pünktlich gegen 20.30 Uhr finden wir uns im Hafen von Palermo vor der großen "La Superba" von Grandi Navi Veloci ein. Wie immer, werden wir unser Gefährt erst Stunden später auf einem Parkdeck im Schiffsbauch abstellen und unsere Kabine aufsuchen. Die Fähre legt erst nachts nach 1.00 Uhr ab, da liegen wir bereits im Bett und schlafen.


Abschied von der sizilianischen Sonne


Der ganz normale italienische Wahnsinn vor der Fähre



Nachts auf der Fähre

Am nächsten Morgen sind wir gegen 10.00 Uhr schon auf der Höhe von Rom - haben also bereits über die Hälfte der Seereise geschafft. Trotzdem werden es noch über neun Stunden werden, die wir bis zum Anlegen in Genua brauchen. Wir nutzen die Zeit zum Entspannen.


Lange Flure wie im Hotel


Blick zurück


Gegen 20.00 Uhr haben wir wieder Festland unter den Rädern. Ohne große Umschweife entern wir die Autobahn. Durch die Seealpen muss das Gespann erstmal etwa 30 Kilometer wieder Steigungen hinaufklettern. Dann wird es topfeben. Wir folgen der A7 bis Tortona, dort auf der Autostrade dei Vini (A21) an Piacenza vorbei.

Hier wollen wir eigentlich irgendwo abseits der Autobahn übernachten, entscheiden uns dann aber kurzfristig fürs Weiterfahren.

Wir umfahren später auf der A4 den Südzipfel des Gardasees, gelangen dann auf die A22, die uns zum Brenner führt. Dort verlassen wir um 3.34 Uhr Italien wieder. Eine halbe Stunde später befahren wir die österreichische A12 Richtung Deutschland. Wir haben uns zuvor ganz bewusst gegen die Route über den Fernpass entschieden. Beim Herunterfahren dieser Strecke wurde uns nämlich vor drei Wochen  schnell klar, dass wir dort auf der Rückreise aufgrund der extremen Steigungen keinesfalls wieder hochfahren werden. Die Route um das Karwendelgebirge und die Brandenberger Alpen herum scheint eine materialschonendere Variante zu sein.

Gegen 5:00 Uhr beenden wir auf dem Parkplatz an der Kufstein Arena diese Etappe und schlafen erstmal.



3.34 Uhr am Brenner


Erwachen in Kufstein



Fünf Stunden später weckt uns die Sonne - es wird heiß im Auto. Wir setzen die Heimreise fort.

Nach wenigen Kilometern sind wir um 10.43 Uhr per Inntalautobahn A93 über die Grenze nach Bayern - der K 70 dürfte in diesem Moment nach ziemlich genau 49 Jahren vermutlich zum ersten Mal wieder in Deutschland sein.


Kleine Pause bei Nürnberg





Die Reise geht weiter über München (wegen langen Autobahnstaus leider sogar fast mittendurch... eine rote Ampel nach der anderen!), dann Nürnberg (vorher noch eine lange Pause). Auf der Höhe von Würzburg wird der K 70 aufgrund eines Regenschauers übrigens das einzige Mal während der Reise nass.

Dann bringt uns die Sauerlandlinie (A45) - zunächst war die A7 geplant, das ist dann von der Abteilung "Navigation" jedoch wegen der Kasseler Berge storniert wurde - über Dortmund nach Hause. Dort kommen wir schließlich nachts um 3:00 Uhr an.


Der Adler ist im Horst

Nach meinen Aufzeichnungen hat der REDSTAR während der gesamten Urlaubstour (4.520 Kilometer) exakt 455,52 Liter Diesel verfeuert. Das entspricht einem Durchschnittsverbrauch von 10,1 Liter auf 100 Kilometer... was für ein zeitweise vier Tonnen schweres Gespann kein schlechter Wert ist (solo nimmt er normalerweise zwischen 7 und 8 Liter). Es wurden Steigungen und Gefälle von stellenweise 12% überwunden, fies waren stets eklig lange Steigungen - die konnte der REDSTAR meist nur nach Rückschalten in den vierten oder gar dritten Gang bewältigen.

Wichtig beim Fahren in dieser Form ist weit vorausschauendes Fahren. Nur so erkennt man, wann Schwung zu holen ist, oder wo es besser ist, früh zu bremsen. Aber diese Fahrweise habe ich mir bereits in den frühen 1980er Jahren aneignen müssen. Damals war ich mit einem 50-PS-Bulli auf jeden Schwung angewiesen.

Der K 70 auf dem Trailer war oftmals Gesprächsthema auf Rastplätzen. Viele ließen sich die Geschichte hinter diesem Transport erzählen. Ein Karosseriebauer griff dem K 70 fachmännisch unter das Blechkleid und stellte verwundert fest, dass der ja gar keine Durchrostungen hat. Der K 70 ist halt ein Sizilianer - Dank seiner guten Substanz wird er wiederauferstehen.

Demnächst also mehr.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen