17 September 2021

Der lang ersehnte Roadtrip - Teil 2

Erstens kommt es anders - und zweitens als man denkt!

Der Ätna ist innerhalb der letzten zwei Jahre x-mal ausgebrochen. Beruhigend war immer, dass Lava und Asche seiner Eruptionen zumeist in östlicher Richtung heruntergingen - nur vor wenigen Tagen ergoss sich der glühende Strom auch mal in (gefährlicher) südwestlicher Richtung, allerdings ca. 16 Kilometer entfernt und ca. 2.700 Meter oberhalb des Standortes unseres im Sommerurlaub 2019 erstandenen VW K 70. Die Lava erkaltete frühzeitig - es bestand zu keiner Zeit eine Gefahr.


Der Ätna hat die Wartezeit spannend gemacht...                                                                                                                         Foto: Internet

 
Unzählige Male war die Ätna-Welt so zu sehen! Foto: Internet

   Das einzige Mal, dass es hätte gefährlich
   werden können. August 2021.


Gigantisches Höllenspektakel                                                                                                                                                                  Foto: Internet


Die quälend langsam dahinschleichende Coronazeit ließ mich die Abholung des alten Autos aus Adrano am Südwesthang Europas' aktivsten Vulkans akribisch vorbereiten. Dementsprechend freue ich mich wie ein Kind, als es schließlich los geht...

... und dann stirbt klammheimlich knapp 30 Kilometer vorm Ziel der Keilriemen an seinem Arbeitsplatz, im Maschinenraum des REDSTAR

Ausgerechnet auf unserem letzten Kilometer der sizilianischen A19 (Palermo Richtung Catania), eine dreiviertel Stunde vor dem Eintreffen im Ziel um 15:00 Uhr, beginnt das Spektakel mit dem plötzlichen Aufleuchten der roten Generatorkontrollleuchte. Mir schießt spontan der Gedanke "gerissener Keilriemen" durch den Kopf. Im nächsten Moment erkenne ich, dass die Kühlwassertemperaturanzeige bis zum oberen Anschlag im heißen Bereich steht und auch die Kontrollleuchte für fehlendes Kühlwasser durch eindringliches, hektisches Blinken warnt. Jetzt ist schnelles Handeln gefragt. Ein augenblickliches, kurzfristiges Überhitzen des Motors könnte enorme Schäden verursachen. Wenn deswegen jetzt die Zylinderkopfdichtung durchbrennt, wäre das gleichbedeutend mit dem Ende der Fahrt, mit dem Ende unseres Urlaubs.


Der Weg zum K 70

Pannenhilfe benötigt ... vorm Hintergrund des Ätna


Keilriemen als Spielverderber

Ich verringere sofort die Geschwindigkeit, wechsle auf die leider sehr schmale Standspur und schalte den Warnblinker ein. Da es bergab geht, lasse ich das Gespann mit ausgekuppeltem Motor weiterrollen. Zeitweise schalte ich den Motor sogar ab - der Fahrwind bringt wenigstens noch etwas Kühlung, die Kühlwassertemperaturanzeige bestätigt diese Annahme. Einen halben Kilometer weiter verlassen wir die Autobahn an der Abfahrt Catenanuova. Als wir auf die SS192 biegen wollen, vernehme ich blubbernde Geräusche und Zischen aus dem Motorraum. Sofort stelle ich alles auf Aus! Wir stehen hier zwar total ungünstig... aber jeder weitere Meter aus eigener Kraft birgt enorme Gefahren. Als ich die Motorklappe öffne entweicht dem Motorraum eine große Hitze. Der Rest des noch im Behälter befindlichen Kühlwassers kocht. Das ganze Kühlsystem steht unter Dampf im Hochdruck. Sehr behutsam öffne ich den Deckel des Kühlwasserbehälters und lasse den Dampf erstmal entweichen.

Die Ursache des Übels klemmt im Übrigen in der Nähe der Lichtmaschine im Motorraum: der zerfaserte, gerissene Keilriemen. Der Keilriemen ist sowohl für die Lichtmaschine (deshalb die rote Generatorwarnleuchte), als auch für den dringend nötigen kühlenden Wasserkreislauf (beim T3 vom hinten eingebauten Motor nach ganz vorn zum Kühler) zuständig.

Nun ist guter Rat teuer. Ein zufällig vorbeikommender Mitarbeiter der Autobahnbetreibergesellschaft ANAS hält und ist sofort sehr hilfsbereit! Zusammen mit einem weiteren Hilfsbereiten ziehen sie uns erstmal aus dem Kreuzungsbereich in eine weniger behindernde Position. Ich telefoniere mit dem ADAC in München - die Hilfsmaßnahmen rollen an. In 60 bis 90 Minuten sollen Spezialisten vor Ort sein.


Wie gut, dass ich im ADAC bin!

Auch der Anhänger muss natürlich mit!

Zeitmäßig passt das auch. Denn etwa eine Stunde später steht tatsächlich ein ACI-Abschlepper hinter uns. Was mir nicht bewusst ist: in Italien wird nicht vor Ort (möglichst noch bei 40°C in der sengenden Sonne?) am Auto geschraubt. Jedes Fahrzeug wird in eine Werkstatt geschleppt und dort versorgt.

So geschieht es auch mit unserem REDSTAR. Nachdem ich mich telefonisch beim ADAC über die Richtigkeit dieser Maßnahme versichert habe (da kann ja jeder kommen und behaupten, er sei vom ADAC geschickt worden! Sowas würde im Ausland nicht zum ersten Mal passieren), werden wir in eine nahegelegene Werkstatt gebracht - dort gibt es zwei neue Keilriemen (der gerissene hat den anderen in unmittelbarer Nachbarschaft verbauten in Mitleidenschaft gezogen). Warum dann aus dem eigentlich kurzen Werkstattaufenthalt ein längerer wird: der Mechanikerboss wartet stundenlang auf die telefonische Kostenübernahmebestätigung durch den ACI. Deshalb verstellt er uns auch kurzerhand plötzlich mit seinem Werkstattwagen den Weg.


Flucht zwecklos - der Doblo blockiert uns 

Der Mechanikerboss ist zufrieden - wir dürfen reisen!


Um diesen Informationsengpass zu beheben, telefoniere ich noch mehrfach mit dem ADAC in München und in Monza - jeweils minutenlange Warteschleifen inbegriffen. Dort versichert man mir jedoch, dass die Abschleppkosten definitiv vom ADAC übernommen werden, das habe man dem italienischen Automobilclub allerdings auch längst übermittelt. Beim ACI scheinen die Mühlen jedoch sehr langsam zu mahlen... so stehen wir tatenlos, eigentlich reisefertig aber durch den gelben Werkstattwagen blockiert in der Mechanikerhalle - wertvolle Zeit verstreicht. Massimiliano (den ich per WhatsApp stets mit aktuellen Neuigkeiten versorge) wartet ungeduldig in Adrano auf die Abholung des K 70... er muss jetzt zu Terminen in Catania. Ich schreibe ihm, dass wir dann eben heute Nacht vor seiner Villa Fisichella in Adrano im REDSTAR übernachten... und den K 70 dann morgen mitnehmen. Er antwortet, dass ich ihm schreiben soll, wenn wir in Adrano sind - er kommt dann sofort dort hin.

Kurz vor 18:00 Uhr ist die Kostenübernahme geregelt... wir können endlich weiterreisen. Als wir kurz vor 19:00 Uhr in Adrano eintreffen, ist es bereits dunkel. Wie schon vor zwei Jahren, gestaltet sich die Navigation als äußerst chaotisch. Zusätzlich ist dieses Mal für das Befahren der sehr engen Straßen mit dem 2,40m breiten Anhänger und dem enormen Wendekreis des ganzen Gespanns Präzisionsarbeit notwendig. Es geht dabei nicht mehr um Zentimeter sondern oftmals nur noch um Millimeter - und das sogar beim Rückwärtsfahren und um Ecken herum.


Es wird Nacht am Ätna


Nachts vor der Villa Fisichella in Adrano


Warten auf Massimiliano

Irgendwann stehen wir dann endlich vor der Villa. Massimiliano ist auch eine halbe Stunde später vor Ort. Nach einer herzlichen Begrüßung geht es gleich ums Wesentliche. Wie kommen wir an den K 70 unter dem Dach hinter der Villa heran? Ich erfahre, dass er nicht eigenständig fahren kann. Also versuche ich, den breiten Anhänger rückwärts die schmale Zufahrt entlang der Villa in den Garten zu bugsieren - schon im oberen Bereich ist es so eng, dass ich die Mauer zur unmittelbar benachbarten Stazione der Ferrovia Circumetnea (Eisenbahn um den Ätna) zu rammen drohe. Den Anhänger von Hand dorthinein zu schieben ist sinnlos. Erstens ist der Tandem-Achser schwer zu dirigieren, zweites bekämen wir ihn anschließend mit dem hohen Gewicht nicht dort oben hinaus.


Der REDSTAR zieht den K 70 auf die Straße

Massimiliano posiert mit mir ein
letztes Mal vor Papa's K 70


Also muss ich den Anhänger abkuppeln, mit dem REDSTAR solo an der Villa vorbei in den Garten unter das Dach... und dann den K 70 mit einem Seil nach oben auf die Straße ziehen. Ruckzuck steht der Bulli an gewünschter Stelle und hat den K 70 am Haken. Erste Abschiedsszenen: letztes Foto mit Massimiliano, mir, dem Bulli und dem K 70.

Wir ziehen den K 70 vor die Villa auf die Straße. Dort hänge ich den Trailer wieder an den Bulli. Mit der Winde schafft es der K 70 schließlich auch auf die Plattform des Trailers, wird dann dort von mir fachgerecht gesichert. Anschließend geht es nochmal zurück in die Villa - Massimiliano möchte mir zeigen, dass er meinem Rat von vor zwei Jahren gefolgt ist und aus seiner Villa ein Familienmuseum gemacht hat. Respekt - das Ergebnis kann sich blicken lassen. Auch der Raum mit den Eis-Tafeln kann nun mit den von uns mitgebrachten deutschen Exemplaren vervollständigt werden.




Diese Langnese-Fahne übergaben wir an Massimiliano - für seine Sammlung, mit der
er irgendwann mal ins
Guinessbuch der Rekorde
möchte.

Unser besonderer Dank geht an Landgasthaus Halfbrodt, Drebber.
Die Eis-Karten stellte uns
freundlicherweise
Gasthaus Recker,
Wetschen, zur Verfügung - auch dafür vielen Dank!

 


Massimiliano's Familienmuseum

 

Zum Schluss erhalte ich noch die zum K 70 gehörigen originalen italienischen Fahrzeugpapiere, wir unterzeichnen gegenseitig von mir in italienischer und deutscher Ausfertigung erstellte Kaufverträge, eine handvoll weitere unterschiedlichste VW-Schlüssel (von denen dann jedoch letztendlich keiner wirklich passt). Und gegen 22:30 Uhr düsen wir wieder durch die engen Straßen Adranos den Hang des Ätna hinunter Richtung Menfi durch die Nacht. Ursprünglich geplant war nach der Abfahrt eigentlich noch ein kleines Drohnenvideo. Einen Nachtflug kann ich mir jedoch wohl sparen.

Am nächsten Morgen sind wir gegen 3:00 Uhr wieder in unserem Urlaubsort, in Menfi, angelangt.

Da nun leider keine nennenswerten Fotos von der Bergung in Adrano vorhanden sind, bin ich am nächsten Nachmittag mit dem Gespann nach Porto Palo gefahren und habe dort ein kleines Fotoshooting veranstaltet (Fotos ganz unten).


Autobahnraststätte Sacchitello in der Nähe von Enna


Es ist inzwischen weit nach Mitternacht


Angekommen in Menfi... es ist 3:00 Uhr



Der K 70 wartet unter einer Kunststoffplane auf die Rückkehr nach Deutschland


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