26 Februar 2015

Meine DJ-Biografie - Kapitel 4: ALLENE SINGA, ALLENE DRASCHA MACHT LUSTIG





Nur zum Verständnis: die Überschrift ist ein altes schlesisches Sprichwort. "DRASCHA" bedeutet "dreschen" und kann generell auch als "arbeiten" verstanden werden.

Aber zurück zur Geschichte:


Ziemlich verzögerungsfrei übergab mir HH weitere Termine. Wie vereinbart, holte ich die Anlage dazu immer aus seiner Garage ab und lieferte sie natürlich nach meinem Auftritt brav dort auch wieder ab. 
Außerdem erhielt HH regelmäßig nach einem Gig das für diese Nutzung ausgemachte Entgelt. Wir hatten zuvor gemeinsam entschieden, genauso bis zur endgültigen Bezahlung der Anlage vorzugehen.

Als ich mich dann mal etwas daran störte, dass ich auch bei Terminen in die vollkommen entgegengesetzte Richtung erst immer die PA-Anlage aus seiner Garage, immerhin gute 20 Kilometer von meinem Zuhause entfernt, abholen musste, bot mir HH großzügig an, die Sachen in meiner eigenen Garage unterstellen zu dürfen. Er wollte sich halt nur darauf verlassen können, dass ich ihm nach meinen Auftritten immer die „Leihgebühr“ für die Anlage entrichte. Ich war sehr froh über dieses Angebot und versprach ihm einen ehrlichen Umgang mit dem in mich gesetzten Vertrauen. Mit dieser Regelung verging einige Zeit. Das Geschäft kam dank der Termine von HH gut in Fahrt.

Einige Wochen später feierte ich meine eigene Hochzeit. Meine Braut war von Beruf Fotografin und hatte kurz zuvor auf der Geburtstagsfeier von HH's Vater kostenlos fotografiert – wir hatten ausgehandelt, dass im Gegenzug hierfür HH kostenlos auf unserer Hochzeitsfeier als DJ für Stimmung und Tanz sorgen sollte.

Während unserer Feier machte HH jedoch seltsamerweise einen eher kraftlosen, müden Eindruck. Irgendwann erschien sogar seine Freundin hinter der Anlage auf der Bühne – die Haare auf Sturm, das Gesicht ungeschminkt und grau. Sie setzte sich zu HH und strahlte ebenso wenig Elan und Energie wie ihr Freund aus.

Als wir HH ein paar Tage später auf seine ungewohnt schlaffe Rolle als DJ unserer Hochzeitsfeier ansprachen und auch um eine Erklärung für den ungeplanten und ungeladenen Auftritt seiner Freundin baten, musste er wohl Farbe bekennen. Ihm habe es angesichts des voraussichtlich entgeltlosen Auftritts an Motivation gefehlt. Und auf anderen Feiern habe seine Freundin trotz allem sogar schon mal den einen oder anderen Blumenstrauß bekommen, auch wenn sie dort plötzlich uneingeladen aufgetaucht sei.

Während HH mit einer solch unverschämten Bemerkung natürlich unseren Zorn auf sich zog, schlug er anschließend der Sache eine noch niederträchtigere Krone ins Gesicht. Angesichts dieser für ihn aussichtslosen Konfrontation, behauptete er nun schnoddrig, dass ich eigene Musiktermine mit der mir zur Verfügung stehenden PA-Anlage wahrnehme, ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen und zu alledem auch für diese "heimliche" Nutzung nicht zahle.

Gerade weil ich wusste, wie unsachlich und grundlos dieser Vorwurf war, empörte er mich besonders. Ich konnte mir in diesem Moment nur zu gut vorstellen, dass HH selbst zu solchen Handlungen fähig wäre – wie sollte er sonst auf derartige Ideen kommen? Mein Vertrauen in HH war jedenfalls gründlich zerstört. Deshalb beendete ich auch augenblicklich unsere Zusammenarbeit. Hämisch prophezeite er mir, dass ich sicher ohne seine Vermittlung kaum mehr zu Musikterminen kommen würde. Doch auch dieser impertinente Versuch, mich zu demütigen, prallte wirkungslos an mir ab. An dieser Stelle musste HH mir nun lediglich noch sagen, welchen Betrag er zur Auslösung meiner Anlage forderte. Ich hatte zwar momentan noch keine Idee, wie ich diese Summe aufbringen sollte – aber es würde sich sicher schnell ein vernünftiger Weg finden. Und richtig - wenige Tage später gehörte mir die Anlage allein - HH und ich gingen fortan getrennte Wege.

Jedoch sollte er mit seiner dreisten Behauptung KEIN Recht behalten – denn mein Terminkalender füllte sich auch ohne seine Hilfe kontinuierlich mit Musikterminen. Noch im selben Jahr der geschäftlichen Trennung von HH konnte ich respektable Zuwächse verzeichnen, verdiente also gutes Geld. Und das, obwohl ich zu jener Zeit ja eigentlich studierte.


Apropos Studium: ich hatte mich damals an einer katholischen Fachhochschule für den Fachbereich Sozialwesen mit dem Ziel des Diplom-Sozialpädagogen immatrikuliert. Zunächst gefiel mir dieses Studium auch sehr gut. Bei der feierlichen Einführungsveranstaltung empfahl der Direktor, dass jeder Student dieses Jahrgangs möglichst bald sein eigenes Profil entwickeln möge. Offensichtlich ahnte er wohl bereits, zu welchen Persönlichkeitsentartungen insbesondere Sozialpädagogik-Studenten neigen können.

Und so sollte auch ich es binnen des ersten Semesters an meinen Kommilitonen erleben. Kaum liefen die ersten Vorlesungen, lernte man natürlich auch die Art und das Wesen der durchführenden Professoren kennen. Das Gros meiner Kommilitonen hatte in Bezug auf „eigenes Profil“ aber offensichtlich keine besseren Ideen, als diese Hörsaal-Heroes zu kopieren. Sie redeten und gestikulierten fortan auffallend intellektuell. Ich entzog mich mental diesem einfallslosen Herdentrieb, wurde - mal wieder - zum Einzelkämpfer.
Obwohl mir Fächer wie beispielsweise Psychologie und Pädagogik durchaus großen Spaß bereiteten und ich dort sogar gute bzw. sehr gute Ergebnisse erzielte, reichte meine Leistung unterm Strich jedoch nicht aus. Mein Leidensweg wurde zudem unbewusst durch den Druck und Willen meines dominanten Vaters bestimmt. Nach jahrzehntelangem, schwerem Martyrium habe ich jedoch inzwischen erkannt, dass der wichtigste Antrieb zum Erfolg ausschließlich die eigene Motivation ist. Als ich also anfing, meine Wege selbst zu bestimmen, stellten sich auch endlich Erfolge ein. Das passierte aber erst lange nach meiner Studentenzeit.

Doch auch aus einem anderem Grund wurde ich selbstständiger und erwachsener. Denn es stellte sich heraus, dass ich bald Vater werden sollte. Auf diesen neuen Lebensabschnitt wollte ich mich natürlich einigermaßen vernünftig vorbereiten. Eine der Maßnahmen zur Übernahme der anstehenden Verantwortung, war die Suche nach einer regelmäßigen Einnahmequelle als DJ. Bis zu vier Mal wöchentlich legte ich daher bald in einer Discothek in einem benachbarten Landkreis auf.

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