24 August 2014

2.600 Kilometer bis zum Ziel

Unser REDSTAR auf Bewährungstour: Teil 1

Farbkontraste auf Sizilien

Sommer auf Sizilien ohne Ventilatoren? Undenkbar!
Deshalb muss der Jetbag mit

Urlaub ist sicher nicht gleich Urlaub, jeder mag ihn auf seine Art... anders.

Ich mag es irgendwie kreativ bis ins Detail. Und dazu kann die Vorbereitung auch schon mal mehrere Jahre dauern. Schon als wir im August 2012 einen rostigen T3 erwarben, planten wir dessen ersten großen Einsatz nach der Fertigstellung seiner Restauration. Unser großes Ziel war es seitdem, mit dem REDSTAR in den Urlaub nach Sizilien zu reisen.
Demzufolge drehte sich die Welt für mich bis zum Beginn dieses Urlaubs hauptsächlich um das doch schon recht betagte Fahrzeug. Viele Widrigkeiten und Probleme führten das Bulli-Projekt und mich durch bewegte, zeitweise stürmische Zeiten. Doch letztendlich legt der tornadorote Feriendampfer tatsächlich pünktlich gen Süden ab, er stellt sich also einer großen Bewährungstour.
Kleiner Bulli-Treck nach Sizilien

In diesem Abenteuer wird er übrigens von einem weiteren VW T3 begleitet. Infiziert durch ein paar Fahrten mit unserem Bulli, hatte sich Stiefsohn Marcel kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag vor ein paar Wochen, für den Kauf eines 1989er BLUESTAR entschieden. Dieses Fahrzeug ist durch einen seiner Vorbesitzer farblich leider etwas verunstaltet worden - irgendein Spacken hat es "unten rum" mehr schlecht als recht weiß lackiert und seitwärts mit seltsamen roten, blauen und weißen Wellen versehen. Marcel plant jedoch, seinen Bulli in absehbarer Zeit wieder in Originallack "starblue-metallic" bringen zu lassen. Vorteile dieses T3 sind eine prima Substanz und ein erfolgter Motorumbau auf 1,9 Liter 90-PS-TDI.
So reisen wir also im "kleinen Bulli-Treck" nach Sizilien. Und zwar in der extended Version: die ca. 2.600 Kilometer werden von uns höchst persönlich unter die Räder genommen. Auch diese Tatsache unterscheidet uns natürlich schon vom langweiligen Urlaubs-Normalo. Fliegen, Bahn- oder Bus fahren kann ja jeder - wir wählen die beschwerlichere aber auch aufregendere und sicherlich erlebnisreichere Anreise. Somit gehört also schon der Weg zum Ziel. Irgendwie doch auch kreativ, oder?
Such den Fehler: die Trikolore in Marcel's Heckscheibe ist falsch herum angebracht. Die Heckscheibe des REDSTAR ziert die sizilianische Trinacria
Als wir am Donnerstag, den 31. Juli 2014 gegen Abend aufbrechen, werden wir zum erste Mal bereits nach knapp fünfzehn Kilometern unfreiwillig gestoppt. Auf der Bundesstraße 51 bildet sich ein Stau. Den können wir in unmittelbarer Sichtweite seines Grundes umfahren - ein LKW und ein PKW sind irgendwie ineinander gefahren. Leider steht dort auch ein Leichenwagen. Wir nehmen diese Situation am Anfang unserer Tour als Mahnmal des modernen Reisens wahr und setzen unsere Fahrt fort. Wenig später erreichen wir die Autobahn A1. Hoffentlich bleiben die allseits angekündigten Staus wegen des Ferienbeginns mehrerer Bundesländer aus.
... gehört auch zum Urlaub
Stunden später, es ist längst dunkel geworden und wir haben die Hälfte Deutschlands - für uns ist das in etwa die Main-Metropole Frankfurt - hinter uns gelassen, kehren wir zu einem Nachtmahl bei Mc Donalds in Darmstadt ein.

Anschließend schaffen wir es schließlich noch bis gegen halb vier in der Nacht in die Nähe von Freiburg.
GGGRRRRR!!! Wer hat eigentlich den
Benzin-Rasenmäher erfunden?
Es nuss längst hell geworden sein, als ich von einem Rasenmäher träume. Nachdem ich wach bin, stelle ich jedoch fest, dass das kein Traum war. Jemand tobt direkt hinter unserem Bulli mit seinem altersschwachen Komunalrasenmäher über die Rasenfläche.

Danke! Es gibt ja so wenig Rasen auf der Welt... da muss man schlafenden Weitgereisten noch vor zehn Uhr die Härchen in den Ohren stutzen!
On the Road again will uns das Navi nach gemeinschaftlichem Tanken offenbar durch Österreich nach Italien lotsen. Das fällt uns dummerweise jedoch erst nach dem Durchfahren des verkehrskollabierenden Freiburg auf, als wir langsam die Höhen des Schwarzwaldes erklimmen. Der elektronische Navigator sträubt sich - wahrscheinlich aufgrund irgendeiner falschen Einstellung - uns die eigentlich längst logische Route durch die Schweiz zu weisen, schließlich sind wir keine hundert Kilometer mehr von Basel entfernt. Mit gut einer Stunde Verspätung treten wir dort in den eidgenössischen Verkehrsraum ein. Jetzt ist unser Ziel der knapp 190 Kilometer entfernte Gotthard-Tunnel.
Kurz vor der Einfahrt in den St. Gotthard-Tunnel
Zwei Stunden später schluckt uns die siebzehn Kilometer lange Röhre in etwa 1.200 m Höhe.

Eine weitere Stunde später winken uns italienische Zöllner über die Grenze ihres Landes, am Abend umkreisen wir Mailand.

Die T3 fordern mal wieder frischen Diesel. Tankstellen gibt es in Italien zwar reichlich. An ihre energiereichen Betriebsstoffe kommt man jedoch ausgerechnet natürlich immer nur mit jenen Kreditkarten, die wir gerade nicht besitzen. Uns gelingt es jetzt jedoch, sogar recht günstig, per Banknotenautomat zu tanken.
Als ich die Tankdaten in meinem Tankheftchen erfasse - ich werde hier ganz sicher nicht über das Führen eines solchen Nachweises diskutieren! - registriere ich aus dem Augenwinkel, dass der Stromanschluss unserer Kühlbox deaktiviert ist. Ein kleines rotes Lämpchen im 12-Volt-Stecker informiert normalerweise darüber. Nun hatte der Stecker bereits seit Anfang der Reise ein Problem. Ich hatte ihn zwar vor ein paar Wochen erst erneuert. Der neue Stecker kam allerdings offensichtlich mit den enormen Strömen, die unser Kühlschrank benötigt, nicht wirklich zurecht. Sein schwarzes Kunststoff hatte den dabei entstehenden hohen Temperaturen wenig entgegenzusetzen. Und das, obwohl ich das Fachpersonal beim Kauf dieses Steckers extra auf seinen zukünftigen Einsatzzweck aufmerksam gemacht hatte.
Der herausgelöste Kontakt an der Spitze
des Steckers hat den Kurzschluss verursacht 
Immernoch mein Tankheftchen in der Hand, drücke ich also lediglich den Stecker etwas tiefer in die Steckdose und notiere weiter meine Tankdaten. Plötzlich quillt dichter, beißender Qualm unter dem Beifahrersitz hervor und eine Stichflamme schießt aus der Steckdose.

Geistesgegenwärtig schlage ich mit der flachen Hand die Flamme aus und springe aus dem Auto. Der dichte Qualm beißt bestialisch in der Lunge. Trotzdem schiebe ich schnell den Sitz ganz nach vorn. Unter ihm sitzt nämlich die Zweitbatterie. Und dort ist auch die betroffene Steckdose angeschlossen.
Der Stecker ist unter Hitzeentwicklung weich geworden 
In diesem Moment fällt mir sofort auch siedendheiss mein fataler Fehler ein: bei der Installation der Steckdose hatte ich blöderweise keine Sicherung zur Hand.

Die wollte ich bei nächster Gelegenheit noch unbedingt nachrüsten... und habe es dann doch vergessen! Oh Shit! Wie peinlich!
Die fehlende Sicherung hat die Zuleitung hingerichtet
Doch ich habe Glück im Unglück! Die verlegte Leitung verglüht natürlich, vorher die Isolation - das war der beißende Rauch und die Stichflamme! Der Stromfluss wird unterbrochen, der Schaden bleibt gering.

Natürlich ist mir bewusst, das diese Aktion auch ganz anders hätte ausgehen können! Ich habe schon Fahrzeuge nach solchen Kurzschlüssen gesehen... auf dem Schrott: total ausgebrannt, regelrecht ausgeglüht! Solch ein Anblick und der Geruch verschafft mir immer eine fiese Gänsehaut... und den Geruch hatte ich gerade wieder - live!
Sämtliche verkokelten Kabelreste werden entfernt. Die Hütte wird gelüftet. Nach wenigen Kilometern bleibt nur noch der Schreck, der irgendwie verarbeitet werden muss... und die Erkenntnis, dass die Steckdose schnellstens neu verkabelt und dabei unbedingt abgesichert werden muss (... was dann später auf Sizilien auch tatsächlich durchgeführt wird!).
Sight-seeing nachts...
Alsdann werden wir vom Navi - wegen mehrerer Staus - auf einer Autostrada-Nebenstrecke über Civitavecchia Richtung Rom geleitet. Da wir dabei direkt an Pisa vorbeikommen, entscheiden die über Funk miteinander verbundenen Mannschaften des weißen BLUESTAR und des REDSTAR, eben noch den "Schiefen Turm" zu besuchen. "Wenn wir schon mal hier sind...!" Trotz Dunkelheit, es ist mittlerweile nach Mitternacht, halten wir dieses Ereignis fotografisch fest. Es ist halb drei, als wir Richtung Rom/Grosseto weiterreisen.
Auch die Nacht kann ihren Reiz haben
Spät in der Nacht kreuzen wir auf der Suche nach einem Schlafplatz durch die südliche Toskana. Marcel nutzt dabei seine neue Errungenschaft: eine LED-Taschenlampe, die die enorme Leuchtweite von 300 Metern ermöglicht. Er fährt mit seinem Bulli voraus und leuchtet mit diesem Flutlicht stockdüstere Feldwege und Straßen aus - der suchende Lichtstrahl erinnert ein bisschen an jene Suchscheinwerfer, die im TV immer an amerikanischen Polizeiwagen eingesetzt werden. 
Übernachten auf 'nem toskanischen Gutshof
Irgendwann stehen wir jedenfalls vor einem alten, offenbar unbewohnten Gutshof. Marcel umrundet gerade das Gebäude mit seinem Wagen, als plötzlich ein paar Autoscheinwerfer auftauchen und neben ihm halten. Auch wir nähern uns dieser Szene.

Der Fahrer des Fahrzeugs fragt auf Englisch, ob wir einen Platz zum Schlafen suchen - er hätte nichts dagegen, wenn wir auf seinem Hof nächtigen würden. Dieses Angebot nehmen wir natürlich gern an... eine halbe Stunde später befinden sich alle Teilnehmer unseres Mini-Trecks im Tiefschlaf.
Toskana-Romantik
Am Samstagmorgen werden wir durch die Besitzer des Hofes, Fortunata und Mario, mit Espresso empfangen.

Jetzt, im Hellen, können wir die Romantik dieses Ortes erfassen. Genauso wird die Toskana gern im Fernsehen dargestellt: alte Gemäuer im Schatten gigantischer Säulenzypressen, im Hof lange, rustikale Tische für gemütliches Speisen mit der Famiglia. Es fehlen nur noch Jutta Speidel und "Isch-'abe-gar-keine-Auto"-Bruno Maccallini.
Die Menschen in dieser historischen Region Maremma sind überaus freundlich. Wir erfahren, dass man hier in der Fattoria Pietra "Ferien auf dem Bauernhof" machen kann. Die Ferienwohnungen haben sie vor einigen Jahren selbst liebevoll und aufwendig renoviert, leider fehlen jedoch momentan jegliche Gäste. Mario befürchtet eine Rezession - den Leuten fehle wohl das Geld für den Urlaub, sorgt er sich. Irgendwie gleichen sich die Probleme überall auf der Welt.
Ferienwohnungen...

... alles in Eigenarbeit renoviert

Die Bilddokumentation meiner REDSTAR-Restauration wird interessiert studiert
Wenn wir mal wieder einen Schlafplatz brauchen,
dürfen wir gern wieder kommen


Der Vesuv bei Neapel gehört zu
den heimtückischen Vulkanen

Nachdem die Toskanesen (?) unsere Bullis und mein Bilderbuch zur Restaurationsdokumentation bestaunt haben, wird es wieder Zeit fürs Kilometerfressen. Es ist zwar schon Mittag, aber vielleicht schaffen wir die restlichen 1.200 Kilometer ja an einem Stück. Eine Stunde später tanken wir in Rom, drei weitere Stunden und 250 Kilometer südlich führt uns die Autobahn an Neapel und dem Vesuv vorbei.

Ab Salerno kostet die Autostrada del Sud keine Gebühren mehr. Kurz vor der Dämmerung schrauben wir uns in Calabrien in über 1.000 Meter Höhe. Hier oben bleiben die Wolken in den Bergen hängen, es ist grau und trübe, die Temperatur fällt unter 20°C - vorher waren es über 30°C!
Lustiger Schnappschuss zwischendurch: eigentlich wollte ich während der Fahrt nur Marcel's Bulli im Rückspiegel des REDSTAR fotografieren. Den fremden Beifahrer habe ich erst bei der Sichtung der Fotos entdeckt...
Auf der Autobahn in den Bergen ist es grau und kalt 

Unfall vor Cosenza, Calabrien
Während wir die Hänge der Abruzzen ausgekuppelt wieder heruntergleiten, jagt ein Krankenwagen vorbei. Etwa dort, wo die Sohle des italienischen Stiefels kaum vierzig Kilometer zwischen dem Tyrrhenischen Meer und dem Golfo di Taranto misst, wenige Kilometer vor Cosenza, bleiben wir schließlich in einem Stau stehen. Das Licht und den Motor kann ich ausschalten, weiter vorn zucken Blaulichter, "Incidente", ein Unfall, keine dreihundert Meter vor uns! Viele laufen zum Gaffen! 
Es dauert eine dreiviertel Stunde bis wir uns wieder voran bewegen. Dabei passieren wir die Unfallstelle. Nicht mal ich kann erkennen, was für ein Fahrzeug da grausam deformiert auf dem rechten Fahrstreifen liegt. Direkt daneben sind unter einer Folie menschliche Beine zu erkennen. Das ist somit bereits der zweite Mensch in unserem Urlaub, der seine letzte Reise im Straßenverkehr angetreten hat. Erschütternd! Schweigend fahren wir durch die Nacht.
In Villa San Giovanni geht's über die Strasse von Messina
Kurz nach Mitternacht erreichen wir Reggio di Calabria.

Hier setzen wir mit einer Fähre über die Stretto di Messina nach Messina auf Sizilien über. Das dauert kaum eine halbe Stunde und kostet 38,- EUR pro Bulli.


Das Meer ist sogar im Dunklen blau und klar

Seltene Abarth sind den Italienern
inzwischen auch bewusst 

Der Bulli-Treck auf der Fähre nach Messina
Sonntagmorgen, etwa 1.30 Uhr - die vorderen 205er Reifen unseres REDSTAR berühren als Erste sizilianischen Boden.

Ein pathetischer Moment für diesen T3, für mich, für uns. Wir haben es tatsächlich geschafft - mir fallen all die ersten Fotos des geschundenen Bulli vor zwei Jahren ein, die vielen Stunden der Arbeit... und wir müssen unbedingt tanken! 
In den Tanks beider Bullis breitet sich mitten in der Nacht nämlich langsam die Wüste aus. Tankstellensuche im nächtlichen Messina. Wobei: Tankstellen gibt es genug - nur deren Zahlungsmodalitäten passen nicht zu unseren Kreditkarten! Verdammt - langsam wird's eng! Wir schrauben uns trotzdem auf die hoch über der Stadt an den Bergen verlaufende Autobahn hinauf. In Villafranca Tirrena gibt's immerhin Sprit für Banknoten - das ist zwar unpraktisch, hilft aber erstmal.
Nun haben wir noch fast dreihundert Kilometer vor uns... und es ist kurz nach 2.00 Uhr. Als ich mich nach dem Tanken wieder hinter das Lenkrad klemme, spüre ich einen enormen Schub Müdigkeit! Ups! Ich merke förmlich, wie mir der Strom ausgeht. Hm - es hilft nichts, mein Akku ist leer! Vorsichtshalber übergebe ich das Kommando an Olivia. Alles andere könnte gefährlich werden.

Das gleiche Problem stellt sich einige Kilometer später dann auch hinter uns ein: wir können in den Rückspiegeln beobachten, wie der zweite Bulli zeitweise die Spur nicht mehr sauber hält. Der eiserne Marcel behauptet zwar per Funk, alles im Griff zu haben, dennoch entscheiden wir unverzüglich, eine Pause einzulegen. Das vermeintlich ruhige Ende der Strandpromenade von Cefalù dient kurzerhand als Rastplatz. Wir fallen todmüde in die Betten.
Gestrandet am Lungomare in Cefalú
Zwei Stunden später wache ich schweißgebadet auf. Die Sonne steht am Himmel und heizt die Bullis ordentlich auf. Sonntagmorgen, Teil 2 - es hat keinen Zweck, weiterhin im eigenen Saft zu dösen. Also los - wenn man sich etwas konzentriert, kann man unser Ziel bereits rufen hören! Wir nehmen die letzte Etappe unter die Räder, erreichen Palermo und biegen dann in die grobe Richtung der legendären Stadt Corleone in die Berge gen Süden ab. Achtzig Kilometer später könnten wir bei absolut klarem Wetter aus der Höhe über das Mittelmeer bis zum einhundertfünfzig Kilometer entfernte Afrika schauen, was mir trotz meiner vielen Besuche hier aber bislang vergönnt blieb.
Am Ziel
Am Ortseingangskreisverkehr grüßt das uns vertraute Wahrzeichen von Menfi, eine große Sonne mit sieben Strahlen, die "Sette Soli", eine Anspielung auf die gleichnamige Cantina. Diese Winzerei-Genossenschaft bringt der ärmlichen Gegend und ihren Menschen wenigstens ein bisschen Arbeit und Geld. Der in und um Menfi angebaute Wein ist jedenfalls ein auf der ganzen Welt anerkannter Tropfen.

Wir sind da!


Weiter geht es mit  >>Teil 2<<

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