Samstag, 29. August 2020

Urlaubs - Trilogie 2020 - Phase 2: Sorry Rügen

Ich bin bereits vor 17 Jahren mal auf Rügen gewesen.

Damals gefiel mir besonders eine gewisse Urtümlichkeit dieser Insel, ihrer Denkmäler, ihrer Orte, ihrer Häuser, ihrer Bauweisen, ihrer Natur, ihrer Gegenden... damals kamen wir über eine Fähre, heute über ein modernes Brückenbauwerk. Damals führten unsere ersten Insel-Kilometer über die schmale Bundesstraße 96, heute ist sie autobahnähnlich ausgebaut - paradoxerweise über die halbe Insel immernoch parallel begleitet von der ebenfalls gut ausgebauten Landstraße 296. 

Damals bin ich nach nur wenigen Kilometern einfach nach Osten abgebogen - wahrscheinlich auf die L29 Richtung Gustow und Poseritz. Nach nur wenigen Metern fühlte man damals (2003) deutlich Erich's Atem. 

Anfang der 1980er Jahre war ich mehrmals zu Besuch in der DDR, das hier war mein Dejavu dazu: eine grobe Kopfsteinpflasterstraße, rund wie ein Rinderrücken mit Löchern zum Schweine beerdigen, links und rechts gesäumt von uralten Laubbäumen. Die Stämme so dick, dass ich sie mit den Armen nicht hätte umgreifen können. Und, wie seinerzeit üblich im Arbeiter- und Bauernstaat, jeder Stamm mit weißer Farbe als Seitenbegrenzungspfahl missbraucht. Eine rührende aber sinnlose Massnahme zur Kenntlichmachung des Straßenverlaufs für bei Dunkelheit trostlos funzelnden 6-Volt-Scheinwerfern des in der DDR meistgefahrenen Trabants.


Damals - 2003 -  mit der Fähre nach Rügen

Meine Kinder: Lukas und Sandra

Schmantevitz-Kammin im Norden der Insel
Die kleinen Ortschaften bildeten Häuser und Höfe, wie ich sie sonst nur aus Schwarz-Weiß-Filmen der Nachkriegszeit kannte. Alles war irgendwie in den 50ern stehen geblieben. 

Der Wind der modernen Zeit hat inzwischen Vieles verändert. Die meisten alten Häuser von damals sind entweder durch einen Neubau ersetzt oder neu verputzt, gestrichen oder verklinkert worden. Hin und wieder sind Ortsdurchfahrten noch mit schwarzen Basaltsteinen gepflastert. Marktplätze sind meist hübsche Blickfänge. Nur hin und wieder glotzen sozialistische, hohle Ruinen den Betrachter an. Bestimmt hängt auch noch irgendwo ein typisches Foto von Erich Honeker an einer bräunlich-gelb tapezierten Wand, obwohl das Dach des Hauses und die Decke des Zimmers längst eingefallen sind. 

Doch der heutige Schilderwald vor dieser Ruine hat die alten Zeiten ganz sicher nie erlebt. Da wird die eigene Ferienimmobilie beworben, auf freie Stellplätze in der "Wohnmobil-Oase" hingewiesen, und ein guter Appetit im neueröffneten Steakhouse gewünscht. Nostalgie? Wo?

 
Die alten Alleen - typisch für Rügen - typisch für "den Osten"

Ruhige Ortschaften muss man suchen: Sagard

Johannis Kirche Zirkow

Marktplatz von Bergen
Wir hatten von einem befreundeten VW T3-Dehler-Eigner, dem Rüganer Frank - heute in der Nähe von Flensburg ansässig - eine confidential Schatzkarte erhalten. Darauf wurden von ihm Orte verzeichnet, die touristisch nicht so intensiv frequentiert sein sollen. Da wir bei unserer diesjährigen kleinen Urlaubstour Campingplätze nur in Ausnahmefällen (mal wieder Duschen, mal wieder Strom...) aufsuchen wollen, benötigen wir also ruhige Stellplätze - möglichst weit ab des  Touristenrummels... der uns sowieso gern gestohlen bleiben darf! Darf er - tut er aber nicht! 

In den nächsten Tagen befinden wir uns ständig in endlosen über die Insel schleichenden Autoschlangen. Es sind Autos aus aller Herren Länder - quasi eine Auto-Polonaise - auffallend viele aus den südlichen Bundesländern, natürlich aus der bundesdeutschen Hauptstadt, sehr viele Wohnmobile, Wohnwagen und hin und wieder richtig krass dekadente Menschen unterwegs - wir sahen einen dunklen Rolls-Roys in Strandnähe parken, der Fahrer in Schlipps und Kragen hinterm Volant in der Sonne wartend und schwitzend, die erlauchten Herrschaften beim Picknick am Wasser wie in Ascot dinierend... dekandenter geht's doch wohl kaum noch, oder? Und das, obwohl dieser Ort der strikten Geheimhaltung unseres Informanten unterlag. An wen hat Frank die sensiblen Daten eigentlich noch weiter gegeben? ... Frank? ... FRAAAAHANK?😂


Unser Rügen-Aufenthalt beginnt bei unserer nächtlichen Ankunft bereits mit einem kleinen Desaster. Der allererste lonely Stellplatz erfordert gewisse Offroad-Qualitäten unseres REDSTAR. Zunächst sind es nur zwei alte Beton-Plattenspuren, die eindeutig aus sozialistischen Zeiten stammen, aber leider genau damals auch vermutlich letztmalig fachgerecht verlegt worden sind. Wie Waffeln auf einem Wackelpudding. Immerhin - es ist kein Feldweg! Noch nicht! Wenig später ist nämlich schlagartig Schluß mit der straßentechnischen Zivilisation.

Der Sandweg ist zerfahren von den schweren Monster-Traktoren, die die unglaublich riesigen Äcker (gibt's eigentlich noch LPGs?) nachts pflügen, eggen, einsäen und dabei fußballfeldhell mit ihren LED-Arbeits-Flutern ausleuchten. Wenn es dann mal geregnet hat (und das hatte es in unserem Fall wohl grad ordentlich), entstehen auf diesen Wegen Pfützen, die eine respekteinflößende Länge, Breite und mutmaßlich auch Tiefe haben. Doch der lonely Stellplatz lockt ja! Also: Augen zu und durch! Wie ernüchternd und bitter ist dann jedoch der Moment, in dem man nach gefühlten 20 Kilometern durch die Hölle landwirtschaftlicher Wege laut Google-Maps keine 500 Meter vor dem Ziel vor einem massiven und nagelneuen Metalltor landet, das obendrein mit den Worten "Feuerwehrzufahrt - unbedingt freihalten!" verziert ist. Na gut... am Ar*** der Welt sind wir ja schon - vielleicht gibt es hier ja... wir erblicken im Scheinwerferlicht zwei VW-Bullis, fahren langsam daran vorbei, direkt auf die Abbruchkante der Steilküste zu. Links und rechts stehe weitere drei Fahrzeuge, ein gut getarntes Lagerfeuer flackert, in einem Bus läuft TV, man trinkt Bier aus Dosen. Soweit zum Thema lonely Stellplatz... und weg! 

Unsere Anreise endet schließlich in dieser ersten Nacht nach einer weiteren Offroadstrecke direkt am Ostseestrand bei Garz, Luftlinie etwa sechs Kilometer nördlich von unserem ersten kläglich gescheiterten Versuch.


Es wird Nacht auf Rügen

Eigentlich wollte ich ja bloss mal austreten...

... doch dann war ich überwältigt von den Farben
   

Etwas später lasse ich die Drohne noch ein paar Fotos von diesem
Ort schießen

Frühstück am Meer

Auf und nieder... abseits ausgetretener Touri-Pfade

Zerfahrener Sandweg


Ich finde, Mais und Sonnenblumen sind eine schöne Kombination
Immerhin: am ersten Morgen auf Rügen werde ich für die nächtliche Offroad-Einlage entschädigt. Zunächst treibt mich lediglich meine Blase aus dem Bett... dann fällt mein Blick jedoch auf den bevorstehenden Sonnenaufgang. Dieser wird folglich fotografisch in seinen Phasen festgehalten. Der Strand lädt hier übrigens nicht zum Baden ein. Natürlich konnte man nachts nicht erkennen, dass dort eine dicke und breite Schicht abgerissenen Seegrases und Algen liegen. Die dicken Steine im Wasser sind zudem hinderlich.

Nach dem Frühstück müssen wir wieder offroad zurück in die Zivilisation. Es gibt keinen anderen Weg zurück. Jetzt, im Hellen, ist es mir dann endlich mal möglich, das natürliche Watverhalten unseres REDSTAR fotografisch festzuhalten. Olivia will nicht durch die Pfütze fahren - muss es aber! Na, da lohnt sich ja das Waschen des Autos wieder.


Mal wieder muss der REDSTAR seine Offroad-Qualitäten beweisen

Wir sind wortwörtlich unterwegs zu neuen Ufern. Heute Abend darf es ruhig mal ein Campingplatz sein. Mal wieder schön duschen, die Kühlbox am Strom betreiben... unser Zweitbatterie-System hat nämlich ein Problem - mit der Ladekapazität. Da soll sich in Zukunft etwas ändern. Wir planen, bald ein Photovoltaiksystem anzuschaffen.

Auf dem Weg in den Nordwesten Rügens fahren wir einen großzügigen Bogen über Alt-Reddevitz und Sellin, Binz und Prora im Osten. An allen Stationen sind wir quasi in einer riesigen Auto-Polonaise vorbei gezogen. Das Ostseebad Sellin bietet eine niedliche Schmalspurbahn und Tausende von Urlaubern... sie werden sogar in offenen Waggons mit der Bahn transportiert. Kostenpflichtige Parkplätze mit gepfefferten Preisen und die Menschenmassen haben uns die Entscheidung zur Weiterfahrt erleichtert. In Binz wird dem durchreisenden Besucher nichtmal der Blick auf die bekannte Seebrücke gewährt... jedenfalls nicht kostenlos... kostenpflichtige Parkplätze, das üblicher Prozedere... und weg!



Schmalspurbahn in Sellin

Tanken für 99 Cent/Liter
 
Geschickte Motivwahl... aber der Schein trügt - in Alt-Reddivitz ist ordentlich was los

Tja - und der Nazi-Nonsens Prora schlägt dem Fass den (auch touristischen) Boden aus. Der von den Nazis 1936 bis 1939 unvollendet gebaute 4,5 Kilometer lange "Koloss von Prora" mit Namen "Kraft durch Freude-Seebad Rügen" wurden ab 1950 von der DDR als monumentalste Kasernenanlage umgebaut und infolgedessen zum Sperrgebiet erklärt. Nach 1990 wickelte die Bundeswehr den Standort ab. Ein typischer "Lost Place", wie ihn Blogger-Freund Jens Tanz mal beschrieb ist diese Gruselbaustelle wohl nicht mehr. Seit 2004 sollen dort Hotels und Wohnungen entstehen. Im Internet werden z.B. Immobilien wie eine "luxuriöse 3-Zimmerwohnung zum Erstbezug" im 1. Stock für nahezu eine halbe Million Euro zum Verkauf angeboten. An anderer Stelle liest man - nicht ganz ohne Häme -, dass die eine oder andere Immobilienfirma bereits mit elegantem Schwung über Kopf gegangen ist, weil die Angebote angeblich "sehr schwer vermittelbar" sind! Mal im Ernst: wer will denn in so einem gruseligen Nazi-Bau, solch einer geldgierigen Gegend und zu solchen Preisen residieren? Und wenn es dann eine Ferienwohnung werden soll: wer ist denn bereit, für ein paar Tage in dieser Gegend sein Jahresgehalt auf den Tisch zu legen? 

Bei soviel Schwachsinn kommt mir die "Marina Hohen Wieschendorf" in der Nähe Wismars - kaum 200 Kilometer westlich von Rügen - in den Sinn. Sie wird als größte Inverstitionsruine Mecklenburg-Vorpommerns bezeichnet. Vor gut zwanzig Jahren kam ein Lübecker Investor auf die Idee, in die idyllische Natur hier ein Ferienpark-Projekt zu pflanzen. Es wurde richtig Geld in die Hand genommen, Fördergelder vom Land verbraten, Straßen, Ferienhäuser und ein großer natürlich kostenpflichtiger Parkplatz gebaut, auf einem angrenzenden ehemaligen Kai, an dem zu DDR-Zeiten Kartoffelschiffe zum Beladen anlegten, entstand ein Restaurant, daneben ein kleiner Jachthafen... weil er jedoch Fördergelder missbraucht hatte, musste der Investor Geld zurück bezahlen, was ihn in die Pleite trieb... es gab Gerichtsverfahren wegen der verpfuschten Natur. Inzwischen hat man halbfertige Ferienhäuser wieder abgerissen und alles gammelt seit mindestens zehn Jahren vor sich hin. Mittlerweile ist an dieser Stelle ein Resort-Projekt (Resort-Projekt Hohen Wieschendorf auf der Zielgeraden - NDR) unter der Leitung eines Österreichers im Entstehen, der noch mehr Geld in die Hand genommen hat... aber wohl nun endlich die Sache zu einem Ende bringt. Geld regiert die Welt!

Zurück zu Prora: wir wären vielleicht gern mal am Strand hinter dem "Koloss von Prora" entlang geschlendert. Von dort dürfte der Blick ja imposant sein. Das Auto dort irgendwo abzustellen kostet jedoch aufgrund der kostenpflichtigen Parkplätze... das ist es uns einfach nicht wert... und weg!



Nicht wirklich attraktiv

Auf den neun Kilometern der L30 zwischen Glowe und Juliusruh überquert man auf einem knapp 500 Meter breiten Landfinger das Meer. Trotz der aufgestellten Verbotsschilder parken hier beidseits der Straße Hunderte von Autos. Ich käme nichtmal auf die Idee, den REDSTAR hier abzustellen. Am Abend erreichen wir den Caravancamp "Ostseeblick" in Dranske. Für eine Nacht und knapp 30,- EUR erhalten wir hier eine Pazelle mit Strom. Vom Strand aus sieht man unter anderem die Insel Hiddensee.

Frank hat in der Nähe "Alte Raketensilos" markiert. Wir kreisen mit dem REDSTAR um dieses Ziel in einer Neubausiedlung... Haus Ortrud, Ferienhaus Bernstein, Ferienhaus Kranich-Hus, Royal Clipper, Ferienhaus Mönblick 5... alles schön und gut - aber wo sind die alten Raketensilos? Ich mache eine Stelle inmitten der Ferienhäuser ausfindig, die wie ein alter Bunker aussieht - aber irgendwie kommt man da nicht richtig ran. Ich fliege mit der Drohne drüberweg. Hm... ja, könnte tatsächlich ein Bunker sein. Aber dieser Fund scheint weder spektakulär noch sehenswert... und weg!


Parkverbot? Wo? Hier?

Unsere Parzelle auf dem Ostseeblick-Campingplatz

Flug über die Raketenschächte
 
Unter dem Hügel sollen angeblich Raketenschächte sein?
Das Thema wird zumindest touristisch weder ausgeschlachtet noch verfolgt. Keine Hinweisschilder auf irgendetwas...
 
 
Das könnte sonstwas sein... aber Raketenschächte...?

Kaum einen Kilometer entfernt gelangen wir über eine stählerne Treppe das Steilufer herunter an den Ostseestrand. Barfuss ist nicht! Zuviele Steine, Algen, abgerissenes Seegrass. Na ja, wenigstens ein paar Uferschwalbennester gibt es zu sehen. Am Wasser hat jemand Steintürmchen gebaut und "Lieblingsplatz Mai 2020" auf einen großen dunklen Stein geschrieben.


Nordwestufer Wittow

Nester der Uferseeschwalben

 

Am nächsten Morgen starten wir nach dem Frühstück Richtung Putgarten am Kap Arkona und den Kreidefelsen bei Sassnitz. Das Kap Arkona ist nur nach Abstellen des Fahrzeug auf einem kostenpflichtigen Parkplatz... und weg!


So wehrt sich Kap Arkona gegen Besuchermassen! Kostenpflichtiger Parkplatz... Messebahnen zum Leuchtturm... vorbei an 
Tourigedöns... brauchen wir nicht!

Auf der Fahrt nach Sassnitz gelingt mir ein Panoramafoto der Ostsee vom Parkplatz des total abseits gelegenen Golfclubs aus (na wenigstens etwas, das ruhig und abseits gelegen ist - für Geld lässt sich halt alles kaufen!). Anschließend möchte ich Olivia die Kreidefelsen zeigen. 2003 hatte ich oberhalb des rüganer Wahrzeichens gestanden, anschließend war ich mit einem Schiff vor den Kreidefelsen entlang gefahren - so hatte man natürlich den direktesten Blick. 2020 ist es natürlich nicht mehr ohne Weiteres möglich, zu Fuss zu den Kreidefelsen zu gelangen. Denn vorher muss man sein Fahrzeug auf einem kostenpflichtigen Parkplatz... und weg!

Damals (2003)Von der Seeseite gut zu erkennen: die Kreidefelsen 



Wahrzeichen von Rügen
 


Heute (2020)... ?

Ein Besuch der Kreidefelsen (heute: Nationalpark Königstuhl) bedingt, dass man vorher das Auto auf einem entlegenen kostenpflichtigen Parkplatz abstellt


Wir fahren durch ein UNESCO-Welterbe, das Herzstück des Nationalparks Jasmund und seine unversehrten alten
Buchenwäldern, die zu den letzten ihrer Art zählen - weltweit!




Etwas nördlich von Sassnitz: mal wieder ein sozialistischer Plattenweg


Blick auf die Ostsee und Sassnitz (rechts)

Dass es in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie besonders voll wird an Deutschlands Küsten, war Besucheransturm mit Ansage. Aber dass man hier ganz ungeniert im ganz großen Stil Geld abgreift, wo es nur abzugreifen geht, enttäuscht uns sehr! Es geht ja hier nicht nur um teuren Parkplatz - es geht auch um Tourigedöns, Eintritt hier, Eintritt da, Toilettengang, etc., etc. ... man findet offenbar kein Ende, den blöden Touristen ordentlich ins Portemonaie zu greifen... und die lassen sich das leider hunderttausendfach gefallen. Corona hat Rügen eine gute Saison beschert. Wer anderes behauptet, der lügt ohne rot zu werden.

Beim Durchfahren von Sassnitz lese ich, dass dieser Ort über einen Schmetterlingspark verfügt: Alaris ist tatsächlich die Heimat tropischer Schmetterlinge! Aha: in Deutschland gibt's ja auch keine heimischen Schmetterlingsarten! Wie wär's mit der Geschäftsidee Fliegenfangen in den großen Buchenwäldern im Westen der Stadt? Zu dem Anlass könnte man auch wieder einen kostenpflichtigen Parkplatz anlegen... und weg!

So, eine Chance bekommt Rügen noch. Im Südosten der Insel war es eigentlich (touristisch) am ruhigsten - laut Frank's Schatzkarte soll es da noch ein paar schöne Stellen geben - genau da wollen wir nochmal hin! Von Sassnitz aus kommen wir nochmal an Prora vorbei. Dieses Mal lasse ich dort meine Drohne steigen, um mir wenigstens ein entsprechendes Bild von diesem nazionalsozialistischen Bauwahn-Projekt aus der Luft machen zu können. Anschließend verlassen wir diesen unsäglichen Ort Richtung Bergen.


Protzige Nazi-Architektur...

... die die Nazis nie vollendete und jetzt teuer vertickt werden soll 
 
Es sind bereits Immobilienfirmen pleite gegangen...
Womit? Mit Recht!

 


So steuern wir die Küste vor Neuendorf - östlich von Putbus - an. Ferienwohnung an Ferienwohnung an Ferienwohnung. Urtümliches Rügen ist sicherlich anders. Die Stelle, an der eine Übernachtung im REDSTAR möglich sein soll, säumen die Autos der direkt daneben Badenden. Aber da, in der Nähe, noch etwas abgelegener könnte es klappen. Wieder über eine nicht enden wollende doppelte Spurreihe Betonplatten. Dann nochmal links fast einen Kilometer und am Ende auf eine große Wiese... mit zwei bewohnbaren Autos - davon ein Niederländer mit ausgeklappter Markise, Sonnenliegen, Motorrad am Heckträger. Dahinter: Steilküste und die Ostsee. Prima!

Unter den weit ausladenden Ästen einer riesigen Eiche finden wir unseren Platz. Erst jetzt fällt mir das Denkmal gegenüber der Eiche auf. Eine sogenannte 15 Meter hohe Preussensäule, die 1854 im Auftrag des preussischen Königs Friedrich Wilhelm IV. errichtet wurde und an die Landung brandenburgischer und preussischer Truppen im Jahre 1678 bzw. 1715 erinnern und den Machtanspruch Preussens über den südlichen Ostseeraum demonstrieren sollen.


Schöne Ecken...

... aber alles andere als ruhig und einsam

Wenn man solche Straßen wählt, ist man (fast) allein unterwegs

Und wieder Plattenwege

Ist das der Weg in die Einsamkeit?

So haben wir uns das vorgestellt

... und knapp daneben die Ostsee - STRIKE!

Okay - ganz allein sind wir nicht!
 
Endlich Ruhe!


 
"Unser" Platz gegenüber der Preussensäule

Wir bekleiden uns mit Badesachen und finden uns am Strand ein... der leider wieder mit Algen und abgerissenem Seegras bedeckt ist. Ins Wasser gehen wir nur knietief - es ist einfach zu schmutzig und im REDSTAR haben wir keine Dusche. Schließlich lassen wir den Abend beim Abendbrot ausklingen. Es fängt heftig an zu regnen. Dieser Regen hört irgendwann in der Nacht erst wieder auf.

Morgens früh um 6:00 Uhr klopft jemand ans Autofenster: "Können sie bitte mal rauskommen?" Olivia späht durch die geschlossenen Vorhänge. "Polizei!" Hm, ich ziehe mir eine Hose und ein T-Shirt an und klettere durch die Schiebetür nach draußen. Ein grummeliger Polizist (um die 60), ein blöd glotzender Typ (sieht aus wie'n Ranger)(Mitte 40) und ein zivil gekleiderter, bittersüßer Ordnungsamtsfuzzi (um die 30) blicken mich an.
  
Ordnungsamtsfuzzi: "Guten Morgen! Nach § *bli$bla#blubb ist es in Mecklenburg-Vorpommern verboten, irgendwo in einem Fahrzeug zu schlafen - dafür gibt es Campingplätze!"

"Und? Was jetzt?"

"Das kostet sie pro Person 35,- EURO, ihre Ausweise bitte!"


Meine Einwände nimmt er einfach gar nicht wahr - sie bleiben unbeantwortet und unkommentiert. Er sackt die 70,- Euro ein, stellt mir eine Quittung aus und wünscht mir fies grinsend "Einen schönen Tag noch!" Innerhalb der nächsten Stunde kassiert er die anderen vier Wagen und Insassen genauso ab und zieht dann mit seinem Gefolge und den soeben frisch generierten 350,- Euro von dannen. Auch die Ordnungsämter haben somit - unterstützt durch die Polizei - teil am großen Tourismusgeschäft 2020. Irgendwie Wegelagerei, oder?

Lange Rede, kurzer Sinn - nirgendwo in Mecklenburg-Vorpommern darf man also im Auto schlafen. Nicht auf dem ALDI-Parkplatz, nicht am Straßenrand, nicht auf dem Schulparkplatz... NIRGENDWO! Ich vermute richtig, dass die Polizei den Campingplatzbetreibern mit solchen Aktionen ganz legal zuarbeiten will? Ist das die Art, die in anderen Ländern Korruption genannt wird? Was soll man eigentlich machen, wenn man nach langer Fahrt zu müde zur Weiterfahrt ist? Wir planen, unseren Anwalt mit diesem Fall zu beauftragen, denn das bundesdeutsche Recht sieht die Lage anders.

Ich meine... gut - wenn man natürlich Tage lang wild campt, überall Müll verstreut, Feuer macht, laut ist etc., dann wäre so eine Aktion durchaus berechtigt. Das alles trifft jedoch keinesfalls auf uns zu.

So, Rügen - nun reicht's. Mit dieser Aktion hast Du deutlich unsere Gutmütigkeit überstrapaziert.
Wir haben verstanden: Mecklenburg-Vorpommern - oder doch nur Rügen? - will uns nicht! Können sie gern haben! Für die heute morgen gezahlten siebzig Euro stehen wir hier an dieser Stelle heute noch den ganzen Tag! Und dann... Tschüss Rügen!... und weg!


"Tschüss Rügen" könnte es hier übrigens in Zukunft auch für viele Insulaner heissen. Ähnlich ergeht es nämlich seit Jahren schon der nordfriesischen Insel Sylt. Immer mehr Einheimische verlassen frustriert die Promi-Insel... weil sie sich ihr Eiland - ihre Heimat - in der Nordsee einfach nicht mehr leisten können oder wollen. So bitter kann es eben kommen, wenn man nur Profit im Blick hat. Vom Sozialismus über die brutalste Form des Kapitalismus in den Verlust der Heimat - tolle Karriere, tolle Aussicht!


Auch beim Durchfahren von Usedom Richtung Swinemünde: kilometerweite Autoschlangen

Unser Fazit:
Rastloser Reibach statt Romantik und Ruhe.
Rügen drängt den Touristen Sekt auf - wir bevorzugen allerdings Selters.

Aus diesen grundverschiedenen Anschauungen ist kein harmonisches Happy-End zu modelieren.
Corona ist zwar in diesem Jahr an den deutschen Küsten gewissermaßen ein Wirtschaftsbeschleuniger. Durch die allgemeine Einstellung zum Tourismus und das Mehr an Besuchern wird Corona jedoch eher zur faulen Ausrede. Auch wenn Corona geht - die brutale Vermarktung wird leider bleiben. 


Wir setzen dennoch unseren Urlaub fort... >>HIER<< geht's zu Phase 3 unserer Urlaubs-Trilogie. 

Kommentare:

  1. Es gibt sie die ruhigen Ecken. Ich war letztes Jahr dort. Empfehlung von jemand. Auch ohne Parkgebühren. Stundenlang gelaufen und vielleicht 10 Leuten begegnet. Kreidefelsen muss man auch nur etwas laufen. Klar... wer direkt dort parken will zahlt schon viel und muss den Zubringer benutzen. (Einem Städter ist das nicht so fremd). Und das wild Campen hat leider sehr zu genommen. Und da sich da viele unklug verhalten war es das dann. Da kann Rügen nichts dafür.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Moin Christoph,

      ich bin die Empfehlungen eines Hiesigen ja abgefahren. Und natürlich kann man sein Auto irgendwo (weit weg) abstellen und laufen - das mache ich aber insbesondere mit dem REDSTAR nicht!

      Wenn WIR irgendwo FÜR EINE NACHT stehen und im Auto schlafen, dann ist das definitiv kein wildes Campen. Bei uns stehen KEINE Campingmöbel herum, wir grillen nicht, wir machen kein Feuer, wir nehmen auch jeglichen Unrat wieder mit (und entsorgen ihn ordnungsgemäß). Zwischen unserem Parken und einem Campen besteht ein weiter Unterschied.

      Was ich den Ausführenden der Razia ankreide ist, dass sie NICHT VERWARNT, sondern gleich abgegriffen haben! Für sie gibt es also offensichtlich auch keinen Unterschied zwischen Wildcamping und Im-Auto-schlafen. Ihre Begründung für die Abzocke beißt sich mit bundesdeutschem Recht. Dort heißt es nämlich klipp und klar:

      Grundsätzlich ist es nach der Straßenverkehrsordnung unproblematisch im eigenen Fahrzeug zu schlafen. Ein Verbot dazu existiert nicht. Zwar bestimmt die StVO, wo gehalten oder geparkt werden darf, doch außerhalb dieser Einschränkung spricht nichts dagegen.

      Aber sei's drum - bei solch unsensiblem Gebaren: wir MÜSSEN ja nicht Urlaub in Meck-Pomm machen. Da man dort allerorts abgezockt wird, sind die Chancen leider verspielt. Das ist von der Art her das Gleiche wie auf Mallorca - sicherlich gibt es auch dort schöne Stellen. Doch auch auf dieser Insel spielen hauptsächlich die Deutschen ihr Abzockspiel. Und genau deshalb muss man da nicht wieder hin.

      Löschen
  2. Hallo Andreas,
    so weit ich weiß, ist eine Übernachtung im Fahrzeug am Straßenrand zur "Wiederherstellung der Fahrtüchtigkeit" in ganz Deutschland erlaubt. Allerdings darf man (so haben mir Camping-Experten erklärt) dann keine Liegestühle, Grill oder Sonnenschirm vor dem Auto aufstellen, sonst ist es dem Charakter nach Camping und damit tatsächlich verboten.
    Ich würde da mal den Rechtsweg ausprobieren.
    Und für längere Anfahrten ist es vielleicht eine Option, Falträder dabei zu haben...?
    Gruß
    Roland

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hi Roland,

      bei uns steht NIE etwas vor dem Auto herum! Es ist IMMER so, als ob unser Auto parkt! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und wir stehen da auch immer nur EINE EINZIGE Nacht.

      Das ist ja, was ich an dem Verhalten des Ordnungsamtes Putbus (und Gefolge) so bemängele: es war offensichtlich, dass man nur abkassieren wollte. Ohne sich auch nur im Geringsten ein Bild von der tatsächlichen, individuellen Sachlage zu machen, wurde einfach behauptet, dass man in Meck-Pomm NIRGENDWO im Auto schlafen darf!

      Bei dem holländische Paar, ein Auto weiter, sah die Situation nämlich schon ganz anders aus. Sie hatten ihre Markise heruntergedreht, Liegestühle aufgestellt, einen Campingtisch aufgebaut, ihr Motorrad vom Heckträger gefahren... es sah schon eher nach Camping (und einem längeren Verbleib) aus!

      Wir werden vielleicht tatsächlich mal unseren Rechtsanwalt beauftragen.

      Aber mal ganz ab davon: Rügen, Usedom und Meck-Pomm sind bei uns durch... das Leben ist zu kurz, um sich nachhaltig und wiederkehrend über das dort in diesem Jahr Erlebte zu ärgern...

      Wenn ich mal ganz ehrlich bin: wir sind bisher ganz gut in unseren Urlauben herum gekommen - ein solch geldgeiles Gebaren, wie wir es dort oben an der Küste in diesem Jahr selbst zu spüren bekamen, haben wir bisher selten erlebt. Das mag sicherlich Corona und der Bedingung "Urlaub im eigenen Land" geschuldet sein. Offenbar waren wir jedoch bei unserer Wahl des Urlaubsziels viel zu illusorisch und blauäugig.

      Wir lernen daraus, dass es zukünftig eher KEINEN Urlaub, als einen an deutschen Küsten geben wird. Zu uns passte viel besser der Aufenthalt an der Ostseeküste bei Pogorzelica (http://el-gigante.blogspot.com/2020/08/urlaub-trilogie-2020-phase-3-zum-ersten.html) in Polen... eventuell eröffnet sich uns da ein neuer Urlaubshorizont... wenn's dann wieder mal nicht Sizilien sein kann oder darf.

      Löschen