Dienstag, 16. Juli 2019

Kappa Settanta 296600 CT *


Gestern haben wir beschlossen, den Plan "Adrano" heute umzusetzen.


Juli 2019, Urlaub, Lido Fiori, im Südwesten Siziliens.


Montag Morgen. Es ist halb sechs! Verschlafen quäle ich mich aus dem Bett. Immerhin liegen gut fünfhundert Kilometer und ein voraussichtlich erlebnisreicher Tag vor uns. Nur kurze Zeit später nehme ich hinter dem REDSTAR-Lenkrad Platz. Olivia öffnet vom Beifahrersitz aus per Fernbedienung das herrschaftliche Tor des Anwesens. Als wir hindurchrollen schüttelt sich die Nacht gerade die letzte Dunkelheit aus den Federn und ein paar ungewohnt tief über die Hügel ziehende Wolken verfälschen das ansonsten von mir verbreitete Bild vom glühenden Sizilien mit seinen grünen Olivenhainen und Weinreben, seinen hellen Sandstränden und seinem azurblauen Meer. Heute ist das halt mal anders - es wird uns jedoch nicht an der Durchführung "des Plans" hindern.

Wir folgen der SS115 (SS steht für Strada Statale, ist also vergleichbar mit unserer Bundesstraße) Richtung Südosten, vorbei an Sciacca bis nach Agrigento. Ich bin da, glaube ich, schon hundert Mal gewesen. Dieses Mal hat sich irgendwas in der Straßenführung verändert... beim letzten Mal ging's noch rechts - heute schicken mich die Schilder in eine (gefühlt) falsche Richtung. Es folgt das erste Wendemanöver des jungen Tages. Nach blödem Rumgegurke durch das wirklich chaotische und dreckige Agrigento finden wir unseren Kurs wieder. Die größtenteils wie eine Autobahn ausgebaute SS640 bringt uns ordnungsgemäß nordöstlich Richtung Caltanisetta. Dabei passieren wir auch in einer riesigen Baustelle wieder den Kreisel bei Canicatti, in dem Marcel nachts vor fünf Jahren einen Panda geschrottet hatte.

Durch typisch italienische (chaotische) Umleitungen geht es vorbei an Enna bis zur A19 und da dann westlich quer rüber Richtung Catania. Nach Angabe des Navigators (in Person von Olivia) verlassen wir den Highway an der Abfahrt Catenanuova und durchqueren die einsame Landschaft in nördlicher Richtung. Verlassene Häuser, Schafsköttel auf der stellenweise durch Erdbewegungen (Erdbeben oder Erosion) abgesackten Straße und nur ganz selten mal ein meist sehr staubiges SUV, das uns mit laut hechelnder Klimaanlage entgegeneilt und wieder im Nichts verschwindet. Die außergewöhnliche Landschaft im Zusammenspiel mit unserem heckgetriebenen Bulli verleitet mich zu ein paar Fotos - in dieser Gegend kann man als Individuum bestimmt prima für immer von der Bildfläche verschwinden.
Am Ar*** der Welt

Im Outback

Nichts für zart Besaitete

Der Ätna hüllt sich in Schweigen... und Wolken

Nach schier unendlichen steilen Kurven, engen Kehren und unübersichtlichen Wendepunkten führt uns die Strecke in Blickrichtung Ätna. Der Vulkan ist heute bockig. Er will seinen Morgenmantel offenbar nicht ablegen. Sein graues Wolkenkleid gibt lediglich lässig den Blick auf seinen Fuß frei. Na gut - dann ist das eben so! Vielleicht passt ihm ja nicht, dass der wuchtige Lavakegel heute sowieso nicht die Hauptrolle spielt . Seinen großen Auftritt (mit mir) hatte er ja im letzten Jahr.

In diesem Jahr dient der Mongibello, so nennen ihn liebevoll die Einheimischen, allenfalls als Adresse. Wir wollen nämlich ins am südwestlichen Hang des Ätna gelegene Städtchen Adrano. Immerhin muss man schonmal zu den Adraniti über eine schmale verschnörkelte Straße in 560 Meter Höhe hinaufkommen. Bei der Gelegenheit fällt mir mal wieder ein italienisches Problem auf: man hat hier sehr offensichtlich ein äußerst gestörtes Verhältnis zur Müllentsorgung. Leute, Leute, welche Menschen werfen ihren Müll einfach aus dem Auto? Wie dumm kann man denn sein? Und bestimmt dreiviertel davon ist Plastikmüll. Da muss aber noch Einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden. An touristisch wichtigen (Einnahme)Stellen (es geht NATÜRLICH um Profit... wer macht schon gern Urlaub an zugemüllten Orten) klappt es schon einigermaßen. Es muss aber dringend in den Köpfen aller Menschen ankommen, dass Müll nirgends in der Natur entsorgt werden darf!

Zurück zum Plan. Es gibt für uns einen Kontakt in Adrano. Via Campione 10. Dorthin zu kommen ist kompliziert. Das Navi spielt verrückt! Die Straßen liegen so eng, dass ein exaktes Abbiegen kaum möglich ist. Ständig muss das Navi die Route neu berechnen, da wir an Abbiegungen vorbei gefahren sind, weil das Navi grad "Bitte warten..." zeigte. Wie gut, dass ich das Zielgebiet schon vorab per Google Maps studiert hatte. So finden wir schließlich, was wir wollen.

Wir rollen an hauptsächlich "Graue-Maus"-Häusern vorbei (... nichts Besonderes also). Die andere Straßenseite grenzt an die Bahnlinie und den Bahnhof der Ferrovia Circumetnea - das ist die 950-mm-Schmalspurbahn fast rund um den Ätna. Am Ende der Straße, gegenüber des Bahnhofsgebäudes parken wir vor einer sizilianischen "Gründerzeit"-Villa (als solches würde man sie jedenfalls in Deutschland bezeichnen). Man erahnt die ehemalige Pracht des Bauwerks - seine heutige Erscheinung zwingt dem nachdenklichen Betrachter jedoch eine traurige Geschichte allgegenwärtigen Untergangs sizilianischen Wohlstands auf.
Ein majestetisches Domizil

Das war bestimmt mal chic

Nahezu romantisch

Das Gartentor öffnet sich und ein freundlicher Mann tritt ins Licht. Massimiliano Fisichella ist sein Name (nicht verwandt mit Formel 1-Fahrer Giancarlo Fisichella), er begrüßt uns freudig. Schon seit Januar stehe ich mit ihm über Facebook in Kontakt. Massimiliano bedauerte damals, dass er leider nur Dank Google-Übersetzer mit mir kommunizieren könne. Gestern hatte ich ihn noch (jetzt per WhatsApp) gefragt, ob er nicht wenigstens ein bisschen Englisch könne - er bestätigte mir "Little Inglese"... okay - dann steht einer lebhaften Unterhaltung ja nichts mehr im Wege.

Massimiliano (er ist übrigens "Ingegnere" - also Ingenieur) bittet uns in die alte Villa. Der 45-Jährige möchte uns zunächst ein bisschen an seinem Leben teilhaben lassen. Die Villa gehört ihm. Er hat sie von seinen Vorfahren geerbt. Zuletzt diente sie als Sommerhaus. Die Familie lebte (und lebt noch heute) im vierzig Kilometer entfernten Catania. Sein Urgroßvater und Großvater bauten Anfang des 20. Jahrhunderts ein blühendes, kleines Familienimperium auf. Sie exportierten Orangen und sizilianische Landesprodukte nach Deutschland, in die Schweiz, nach Frankreich und viele andere Länder. Deutschsprachige (!) Werbeplakate erzählen von dieser Zeit.

Der erste Raum, den Fisico (... per favore scusami, Massimiliano) uns zeigt, ist die Bibliothek seines Vaters, dem Arzt Dottore Giuseppe Fisicella. Medizinische Bücher, das alte Büro mit Schreibtisch und Bakelittelefon, sowie eine umfangreiche Sammlung  an Fotoapparaten und Film- und Fotoprojektoren. Massimiliano hüpft von einem Schrank zum nächsten, öffnet Vitrinen "und hier hab ich noch... und guck mal hier...!" Das Meiste erklärt er in "little Inglese" - Anderes in "... come si chiama?" (... wie heisst es noch?) Italienisch. Und bei noch Anderem muss wieder der Google Übersetzer ran. Bei der Gelegenheit stellen wir fest: Massimiliano ist ein verrückter, aber toller Kerl! Es ist doch auffällig, was für urige Menschen wir bei unseren außergewöhnlichen Aktionen immer kennen lernen. Irgendwie trifft sich immer wieder die gleiche Spezies.

Seine besondere Sammelwut hat sich unter anderem in Hunderten von Eisplakaten entladen. Das sind diese farbigen Plakate (hängen meist in einer Gaststätte über der Tiefkühltruhe), auf denen immer die Produktbilder und die Preise stehen... bei uns meist von Langnese, Eskimo, Schöller, Warncke, Sanobub etc. - nur halt auf Italienisch: Algida, Eldorado, Gelati Motta, Gelca. Davon hat er wirklich soviele, dass er fest davon überzeugt ist, dass er damit ins Guinessbuch der Rekorde kommen könnte.
Dottore's medizinische Schriften

Alte Cameras

Massimiliano's Eiswerbung

... was man nicht alles sammeln kann

Sieht doch wie ein Museum aus, oder?

Komplette Playmobile-Burg

Antiquitäten

Massimiliano's eigenes Kunstwerk

Sizilianischer Eselskarren (Carretto)

Ehrendiplom und Medaille für die exzellente Produktion
von speziellen Exportorangen

Politische Vergangenheitsbewältigung

Als Massimiliano erfährt, dass ich Fahrlehrer bin...

Das ganze Haus gleicht einem gigantischen, sizilianischen Familien-Museum. Nur manchmal ist es etwas durcheinander - wofür der Ingenere sich x-mal entschuldigt. Es falle ihm nach dem Tod seiner Mutter (wohl letztes Jahr?) schwer, etwas zu ändern und zu reparieren. Uns stört das nicht im Geringsten - Massimiliano unterhält in seiner alten Villa eine herrlich verrückte Welt der Vergangenheit am Leben.

Kommen wir endlich zum Grund unseres Erscheinens in Via Campione 10, Adrano. Ausgerechnet Olivia bringt mit ihrer ungeduldigen Frage Massimiliano zurück auf den Teppich der Realität. "Wo steht denn jetzt der...?"

Massimiliano stoppt in seinen Ausführungen und dreht ein paar Schritte im Halbkreis um eine Hausecke. Wir folgen und gelangen direkt unter ein großes Dach über riesigen Torbögen aus Vulkangestein. Der Raum darunter ist fast so groß wie eine Turnhalle. Auch hier hat Massimiliano massenhaft wertvolle Dinge untergebracht... was ihm natürlich sofort wieder peinlich ist. Doch wir haben jetzt nur einen einzigen Gegenstand im Blick: einen silbernen VW K 70.
DESWEGEN sind wir herangereist!






Tja - den hatte mir unser studierter Catanese nämlich freundlicherweise im Januar über das Facebook-Portal "Volkswagen K 70" angeboten - und ich hatte nun den Plan, mir dieses Fahrzeug im Urlaub mal genauer anzusehen. Vorher hatte ich allerdings schon abgecheckt, was - im Falle eines Kaufs - mit dem "Kappa settanta" dann passieren soll. Die Familie meiner Tochter Sandra zeigte Interesse... wenn der Preis stimmt.

Nun gilt es also, den Wagen in seinem Zustand einzuschätzen. Zunächstmal ist er 47 Jahre alt. In Verbindung mit seinem ehemaligen Einsatzort sorgt das für Vor- aber auch Nachteile. "Auf Sizilien herrscht mediterranes Klima mit heißem, trockenem Sommer und mildem, feuchtem Winter. An den Küsten betragen die Temperaturen im Sommer durchschnittlich 26 °C, im Winter 10 °C. Im Süden werden durch den aus der Sahara wehenden Scirocco Werte über 40 °C erreicht." - liest man bei Wikipedia.


Gasanlage

Neuralgische Stellen...

... die Windleitbleche unter der Windschutzscheibe

Fakt ist: hier gibt es keine Winter wie in good old Germany - niemand streut hier Salz auf die Straßen. DAS IST EIN PLUSPUNKT und spricht FÜR ein langes Autoleben.

Fakt ist aber auch: die Sonne gibt hier alles. Ich habe schon oft genug "junge" Autos (von vielleicht nichtmal zehn Jahren) gesehen, deren (moderner) Lack sich großflächig wie bei einem Sonnenbrand von der Oberfläche gelöst hat (siehe Bilder in >>DIESEM<< Beitrag). Der K 70 stammt aus einer Zeit, in der sich die Mode der Metalliclacke erst zu entwickeln begann. Wie wirkte die extreme Sonne über ein halbes Jahrhundert auf VW L 96 D silbermetallic? (wobei: Massimiliano schrieb mir anfangs: "Zu Hause habe ich in der Garage eine K 70 L von 1972 in metallic-grau mit rechteckigen Scheinwerfern"). Metallic-grau? Mir war klar, dass das Silbermetallic sein musste - die Farbe gab es ab Werk nur von September 1970 - Juli 1972. DIESER PUNKT KÖNNTE NEGATIV AUSFALLEN, wiegt aber meiner Meinung nicht ganz so schwer.

Eine weitere bange Frage stellt sich aus der Entfernung, speziell wenn man schon ein paar Mal in Italien, insbesondere auf Sizilien gewesen ist: das typische Verhalten italienischer Verkehrsteilnehmer. Sagen wir's mal so: die Sizilianer KÖNNEN Auto fahren... wenn sie sich zusammenreissen! Meistens sind sie aber so richtig am Holzen... koste es, was es wolle. Und besonders in größeren Städten wie Palermo, Trapani, Catania, Syrakus, Messina etc. wird keine Rücksicht auf Verluste genommen. Nach 47 Jahren könnte das ein weiterer MINUSPUNKT sein. Vielleicht ist der K 70 aber ja auch der gepflegte Garagenwagen eines Landarztes... träumen darf man ja wohl noch, oder?
Die Spuren der Zeit... 


Costa Concordia geht immer bei den Italienern :-)



Bestandsaufnahme:

Treten wir also mal dichter ran an den Kandidaten.

Fahrerseite: vorne links ist die Kotflügelecke mal irgendwo gegengebumst und gestaucht. Die Chromecke fehlt. Am Kotflügel sind auch Kratzer. Sonst sieht die Fahrerseite altersentsprechend aus. Nach Garagenwagen sieht das aber nicht aus.

Was ist das auf dem Dach für ein seltsamer Dachgepäckträger? War Dottore Fisichella damals so mit seiner Familie in der Türkei? Der Lack der "liegenden Flächen" (Dach, Motorhaube, Heckdeckel) weist, soweit das durch Staub und Dreck erkennbar ist, keinen Sonnenbrand auf.
Originale Italienausführung: Seitenblinker in den Kotflügeln.
Auf der Fahrerseite in den bekannten Regionen (Schweller, Radläufe, Windleitblech, Türunterkanten) kaum bis kein Rost. Etwas Flugrost an der B-Säule.

Beifahrerseite: Der Schweller im Bereich unter der Beifahrertür ist fast auf einer Länge von einem Meter nahezu drei bis vier Zentimeter tief eingedrückt. Sogar die Tür ist dort im unteren Bereich eingebeult (und oberflächlich etwas rostig) und weiter oberhalb dieser Stelle verschrammt. Die lange Schwellerzierleiste fehlt leider. Etwas Flugrost an der B-Säule. Kein Spiegel rechts (war Standard).

Heck: der Heckdeckel ist altersensprechend erstaunlich wenig bis gar nicht verrostet. Die Zierleisten sind leider alle durchbohrt und mit kleinen Schrauben an der Karosserie befestigt. Ebenso die Chromecken. Die Stoßstange ist leider rostpicklig. Die Gummiauflage hat ihren Dienst quittiert.

Front: die Motorhaube ist noch echt gut, die Zierleiste ist im Bereich des Kotflügel-Chrashs angemackt. Die Stoßstange ist auch rostpicklig, auch hier sind die Gummipolster hin bzw. flüchtig. Im Frontblech sitzen die seltenen italienischen Blinkergläser (weiß). Das ganze untere Frontend ist verbeult und bedarf einer dringenden Entrostung (silbernes Hammerite!). Kühlergrill und Scheinwerfer scheinen okay - den Bilux-Funzeln kann man ja mit H4-Einsätzen zu ungeahnter Effizienz verhelfen.

Innenraum: alles staubig aber vollständig, Drehzahlmesser, Uhr. Armaturenbrett etwas rissig (übliche Stellen infolge Sonnenhitze), der Wagen hat schwarze Veloursitze, die aber mit blauen Schonbezügen versehen sind - ich habe nicht kontrolliert, in welchem Zustand die originalen Sitzebezüge sind. Flaschenscherben auf der Hutablage (mir unbekannter sizilianischer Brauch?).
Falscher Schaltknauf (Original liegt im Kofferraum). Radio fehlt.
Alle Scheiben sind zwar dreckig aber okay. Vorne falsche Fensterkurbeln (nicht original).
Ich bin erstaunt über die tadellosen Dichtungen der Windschutz- und Heckscheibe - vielleicht hat er doch viel in der Garage, zumindest aber im Schatten gestanden.
Alle Türdichtungen sind restlos fertig!

Motorraum: bis auf den Luftfilterkasten (der liegt im Kofferraum) sieht alles vollständig aus. Überall Dreck vom langen Stehen. Federbeindome ohne erkennbaren Rost (selten!), auffällig ist, dass der Wagen eine nachgerüstete Gasanlage hat. Ölstand dreiviertel Voll, Ölkonsistenz und Farbe: normalflüssig, hellbraun transparent, riecht unverdächtig nach Öl.
Da der Zündschlüssel noch nicht gefunden wurde, haben wir den Motor leider NICHT hören können.

Kofferraum: ich konnte soweit keine Durchrostungen (auch an den typischen Stellen in den Seitenräumen) feststellen, es ist ein großer Gastank installiert. Im Kofferraum liegen noch einige K 70-Teile (mittlerer Kühlergrill, Sonnenblenden, Rückleuchten, Luftfilter, Kleinkram).
Zum Schluss habe ich noch Blicke unter die Karosserie geworfen. Der Unterboden weist wenig übliche Roststellen oder Beschädigungen auf.
Die Bremsanlage konnte natürlich leider auch nicht überprüft werden.
Achsmanschetten und Faltenbälge der Lenkung und des Antriebs schienen auf den ersten Blick in Ordnung.
Die Reifen haben zu wenig Luft/ sind platt.




Gastank im Kofferraum

Nun wird es Zeit für Verhandlungen. Ich frage Massimiliano, welchen Preis er sich vorstellt. Er druckst ein bisschen rum und sagt, er habe keine Ahnung. Dann fragt er "Mille?", also Eintausend und malt eine Eins und drei Nullen in die Luft. Damit hatte ich gerechnet und argumentiere, dass Fahrzeuge in diesem Zustand in Deutschland für maximal 450,- EURO gehandelt werden. Er malt 600,- in den Staub der hinteren rechten Türscheibe, ich streiche die 6 und male eine 5 darüber. Massimiliano reicht mir die Hand... und der Deal ist perfekt! Schließlich möchte er wissen, ob wir den K 70 schlachten oder ihn wieder auf die Straße bringen wollen. Als ich ihm erkläre, dass ihn die Familie meiner Tochter fahren will, ist er sichtlich erleichtert und erzählt, dass er von einem Bekannten auch 500,- geboten bekommen habe - der wollte den Wagen allerdings schlachten. Wir halten den Wagen seines Vaters also in Ehren und das gefällt ihm deutlich besser.

So sieht die Rechnung aus!

Jetzt gibt es noch zu besprechen, wie wir den Vertragsabschluß gestalten. Ich handele aus, dass wir nun bis zu einem Jahr Zeit haben, den Wagen abzuholen. Ich überreiche ihm 100,- EURO Anzahlung... und den Rest will er erst bei der Abholung haben. Diese Informationen landen auf einem Zettel, den er Contratto (Vertrag) nennt, wir beide unterschreiben ihn... "Ich halte Euch für ehrliche Menschen... ", erklärt er uns nach nunmehr zwei Stunden, die wir uns kennen. "... ich vertraue Euch!" Grazie, Massimiliano!
Auch untendrunter keine bösen Überraschungen

Alles, was zum K 70 gehört... was lehnt da im 
Hintergrund am Türrahmen?


Verhandlungen

So trennen sich unsere Wege - wir verlassen, wie wir gekommen sind den Südwesthang des Ätnas und lassen den coolen Ingenere Massimiliano in seiner sukrilen Familienmuseumswelt hinter der Ferrovia Circumetnea allein zurück. Abends schreibt er mir per WhatsApp, dass er sich nun für die Zukunft des Auto seines Vaters freut, "... morgen kaufe ich ein Tuch, schiebe es weg und lege es weg!"

Der K 70 soll es bis zur Abholung noch gut haben, da am Ätna.
Massimiliano gefällt das - und mir auch!












* zur Überschrift "Kappa Settanta 296600 CT": Kappa Settanta ist natürlich Italienisch und heisst K 70,
die folgende Nummer + CT ist das ehemalige italienische Kennzeichen, das er mal trug. CT stand für
Catania.



Nachtrag 1:

Massimiliano hat mir übrigens nachträglich weitere interessante Informationen über seine Villa zukommen lassen - er bittet mich, sie zusätzlich zu veröffentlichen:

Die Villa stammt aus dem Ende des 17. Jahrhunderts, dort lebten Nonnen, die den Kindern von Adeligen das Lesen und Schreiben beibrachten. Dann wechselte die Villa den Besitzer, bis Urgroßvater Giuseppe Fisichella sie Ende des 19. Jahrhunderts kaufte, weil sie an der Eisenbahnstrecke lag, die sie für den Transport von Zitrusfrüchten brauchten. Die alleinstehende Villa wurde damals als Landhaus genutzt, da die Familien in einem Gebäude im Zentrum der Stadt wohnten. Die Wohnungen im Erdgeschoss und die Scheune nebenan wurden in den 1920er Jahren eingerichtet. Das Obergeschoss stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert und ist mit weißem Syrakus-Stein verziert.

Die in der Höhe abgebrochenen Friese, abgesehen von den Stuckarbeiten, das Fehlen von Balustern im Geländer und andere Teilen, wurden durch die Bombardierung amerikanischer Flugzeuge zwischen Ende Juli und Anfang August 1943 verursacht. Seither hatte Massimiliano's Familie immer Angst, wieder in die Villa zu ziehen, da sie sich an die Schrecken des Krieges erinnerten.

Massimiliano's Großvater war der Erste in der Stadt, der 1925/26 ein Auto fuhr. Er kaufte einen FIAT 503. Anfang des 20. Jahrhunderts fuhr er damit oft aufs Land. Den wesentlich ältere sizilianischen Karren behält er, weil er im Gegensatz zu Autos leichter, leichter zu bewegen und wartungsfrei ist. Unter seinen historischen Papieren hat er eine Stromrechnung vom März 1912.


Nachtrag 2:

Nachdem Massimiliano meinen  Beitrag hier gelesen hatte, kam ihm mit diesen folgenden Fotos in den Sinn, das Kleinod des Gartens seiner Villa nochmal richtig zu präsentieren:



Nachtrag 3:

Dottore Fisichella im Februar 1984 auf dem Parkplatz des Refugio Sapienza, also dem großen Parkplatz am Ätna... mit dem K 70.
Die große (XL) Autogarage hat Massimiliano extra gekauft, damit dem K 70 bis zur Abholung
nichts passiert.

Danke Massimiliano - für Alles!

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Ja, Nils. Es ist aber nur auf sie angemeldet gewesen. Gefahren ist sie es wohl nie. Sie hatte - wenn ich's richtig verstanden habe, nichtmal ein "Patente".

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