Mittwoch, 26. Oktober 2016

Meine DJ-Biografie - Kapitel 24: ABSCHIED IST EIN SCHARFES SCHWERT











Anfang vom Ende


Ein wahrer Tsunami an Faktoren hat über den Zeitraum von etwa einem Jahrzehnt dazu geführt, dass die SOUNDBOX – Ära allmählich zu Ende ging.

Besonders durch die Einführung des EURO veränderte sich die Auftragslage spürbar. Viele DJ-Kollegen rechneten vom ersten Tag der EURO-Bargeldeinführung die D-Mark bewusst falsch um (offiziell 1,- EUR = 0,511 DM). SIE preisten damals ihre Dienstleistung jedoch im Verhältnis 1 zu 1 aus. Soll heißen, dass sie beispielsweise vorher 300,- DM verlangten, nun aber 300,- EUR. Ich empfand diese Vorgehensweise immer als unverschämten Wucher und weigerte mich gleichzuziehen. Doch natürlich konnte ich dadurch nicht verhindern, dass auf diese Weise der Ruf der meisten „freischaffenden“ DJ nachhaltig negativ beeinflusst wurde.

Die Einführung der europäischen Währung führte und führt (nicht nur) meiner Meinung nach seitdem in Deutschland zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Schwächung. Die Wettbewerbsfähigkeit leidet allerorten unter einem zu hohen Preisniveau. Politische Fehler sind meines Erachtens dafür verantwortlich, dass der breiten Masse Geld fehlt. 

Infolgedessen sparen die Menschen natürlich auch beim Feiern: das Geschäft der Gaststätten, Kneipen, Säle, Partyservice etc. und eben auch der DJ ist seitdem empfindlich eingebrochen. Ich verfüge zwar leider nicht über offizielle Statistiken – aber ich schätze mal grob, dass dieses Geschäft mit privaten Feiern seit Einführung des EURO bestimmt um mehr als 50% zurückgegangen ist.

Eine weitere Entwicklung unserer Zeit hatte ebenfalls großen Einfluss auf die DJ dieser Welt. Seit Ende der 1990er Jahre wurde im Internet zwar kostenlose, aber, wie sich ja mittlerweile auch herausstellte, illegale Musik zum Download angeboten. Bis zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich allerdings ein DJ insbesondere durch seine umfangreiche Auswahl nicht ganz unerheblicher Musikwerte aus. Zu Anfang der SOUNDBOX-Zeiten schleppte ich mich beispielsweise mit kistenweise Vinylschallplatten ab, später waren es bis zu elf CD-Koffer. Zuletzt war es eine einzige handliche Festplatte, kaum größer als eine Zigarettenpackung.

Leider scheint heutzutage allein der Besitz von Unmengen kostenlos „gezogener“ Musik auf unzähligen mobilen Festplatten ja bereits dessen „Besitzer“ als Berechtigung zum Führen der Bezeichnung „DJ“ zu reichen. An dieser Stelle vermisst jedoch jeder DJ der alten Schule die gehörige Portion Ehre oder Stil – aber was ist schon Ehre, was Stil? Alles verändert sich eben. Leider!

Letztendlich trug auch unstrittig mein ganz persönliches Familien-Desaster dazu bei, dass meine SOUNDBOX schleichend sterben musste. Um über Jahre erfolgreich am Mikrofon vor Tausenden von Feiernden moderieren zu können, benötigt jeder DJ unbedingt eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit. Genau diese ist mir allerdings in jenem überraschenden Lebensmoment verloren gegangen.

Denn die Trennung und Scheidung meiner ersten fast siebzehnjährigen Ehe, riss mich in eine tiefe Lebenskrise, aus der ich mich leider nur sehr langsam wieder erholte. Meine Unbeschwertheit, Losgelöstheit, meinen Humor sowie meine frühere Lockerheit fand ich einfach nicht wieder. Es gelang mir nicht mehr, ständig eine fröhliche Miene aufzusetzen. Ich machte stattdessen viel zu oft einen eher verbissenen, verspannten Eindruck. Und wer will schon einen finster drein blickenden DJ auf seiner Feier ertragen müssen? Auf diese Weise wird eben ein weinender Clown zur tragischen Figur.

Kommen wir zur Musik. Auch im Laufe von fünfundzwanzig SOUNDBOX-Jahren hat sich die Musikwelt extrem verändert. Eine enorme Vielzahl von Einflüssen hat dazu geführt, dass unglaublich viele Stilrichtungen entstanden sind. Noch nie war das Spektrum der Musik so breit gefächert. Dementsprechend bunt können natürlich auch die Musikwünsche sein, die während einer Feier an den DJ gerichtet werden. Doch er kann einfach nicht mit jeder Stilrichtung dienen. Denn bereits beim Einkauf der Musik muss er darauf achten, dass sich seine Investition letztendlich auch lohnt. Jeder DJ bewegt sich daher hauptsächlich mit „seiner“ Musik im wie auch immer gearteten Mainstream der populären Musik.

Mir fiel in den letzten SOUNDBOX-Jahren besonders auf, dass die Bereitschaft und Toleranz der Partygäste, sich diesem Mainstream des DJ anzupassen, rapide sank. Sie forderten beharrlich ihre Musik, tanzten in Folge aber kaum danach. Wenn der DJ ihre Musikwünsche jedoch nicht augenblicklich erfüllte, fingen sie an, herum zu pöbeln. 

Früher hätte ich nie gedacht, dass ich heute mal folgende Äußerung bezüglich der Musik von mir gebe: bestimmte Hits, die von der Allgemeinheit heiß verehrt werden, bezeichne ich schlicht als Plastikmusik. Da sie für mich seelenlos und künstlich klingt, mag ich sie einfach nicht. Nur, weil beispielsweise Sternchen wie Mariah Carey, Rihanna oder Beyonce wie perfekte Barbiepuppen aussehen – Plastikmusik von Plastikfrauen – muss man noch lange nicht auf die Marketingstrategie ihrer Plattenfirmen hereinfallen. Wie hip diese Retortenkünstler und ihre Produkte offensichtlich sind, beweisen die unendlich vielen Kopierversuche. In all den unsäglichen TV-Castingshows führen diese dazu, dass mehr oder weniger junge Menschen beider Geschlechter wie ihre „großen“ Vorbilder beispielsweise minutenlang verzweifelt stimmlich um einen einzigen Ton herumeiern… und allen Ernstes davon überzeugt sind, das wäre auch noch schön anzuhören! NEIN! IST ES NICHT!

Möge der geneigte Leser jetzt und hier bitte nicht nur die oben genannten „Plastikmusikerinnen“ verunglimpft sehen. Von ihrer Couleur wimmelt es nämlich nur so auf dem Musikmarkt – und zwar sowohl unter den weiblichen, als auch unter den männlichen Interpreten. Außerdem bezieht sich meine Sichtweise natürlich auch auf viele andere Stilrichtungen – es IST einfach nicht meine Musik. Warum sollte ich mich als DJ also ständig darüber ärgern? Ganz am Anfang hatte ich mir vorgenommen, dass ich nur so lange als DJ unterwegs sein werde, wie mir dies auch Spaß macht – zum Schluss war es wohl an der Zeit, diesem eigenen Grundsatz auch Folge zu leisten.

Natürlich spielte über all die SOUNDBOX-Jahre auch Geld eine nicht ganz unwichtige Rolle. Der Einsatz (mehr oder weniger) robuster PA-Technik, der unabdingbare Besitz und die stetige Pflege des größten Heiligtums eines DJ, der Tonträger, das Vorhandensein geeigneter Transportmöglichkeiten in Form von Fahrzeugen und Anhängern sowie die gegebenenfalls auch mal zeitaufwendigen An- und Abfahrten an den Veranstaltungsort und logischerweise auch mein persönlicher, oftmals mehr als zwölf- oder gar vierzehnstündiger Einsatz für das feierwillige Volk, lässt sich selbstverständlich auch finanziell ausdrücken.

Viele Jahre lang war die SOUNDBOX natürlich auch ein für meine Familie überlebenswichtiges Instrument zur Erlangung des nötigen Lebensunterhalts. Diese Funktion trat erst in den Hintergrund, als sich meine alltagsberufliche Lage festigte. Dank der SOUNDBOX konnte im Laufe der Zeit auch mal ein Auto angeschafft oder Urlaub durchgeführt werden.

Ich erinnere mich noch an eine Sizilien-Reise zu D-Mark-Zeiten. Schon Wochen vorher horteten wir das dafür notwendige Geld zuhause. Das Überweisen auf ein Bankkonto hätte schließlich Bearbeitungsgebühren beim Einzahlen sowie Kursschwankungen und Wechselgebühren am Urlaubsort mit sich gebracht – wir waren überzeugt, mit dem Bargeld die richtige Lösung gefunden zu haben. Bei Antritt der Reise verteilten wir schließlich einen ganzen Stapel 100,- DM-Scheine. Im Falle eines Diebstahls würden so nur geringere Teilbeträge gefunden. Das Geld wurde folglich in Bekleidungsstücken, Windelpaketen, Nahrungsmittelverpackungen und – nicht ganz ungefährlich - auch im Aschenbecher und in schlecht zugänglichen Hohlräumen unseres Autos versteckt. Ich trug damals zufällig Sandalen mit herausnehmbaren Sohlen. Je Seite ließen sich so locker und unauffällig 300,- DM unterbringen. Das gab dem Begriff „auf heißen Kohlen“ eine ganz neue Bedeutung und machte meine Schuhe zu den wohl teuersten Sandaletten der Welt. In dem entsprechenden Urlaub gab es jedenfalls finanztechnisch keinerlei Probleme.

Sowieso erwies sich das Ausgeben des SOUNDBOX-Geldes als die unverfänglichste Möglichkeit des Umgangs damit. Mein Steuerberater empfahl stets, die pflichtgemäße Abrechnung mit der Finanzbehörde gering zu halten. Selbst ein zufällig zu meinen Auftraggebern gehörender Finanzbeamter gab mir dazu hilfreiche Tipps. So war ich oftmals froh, wenn mal ein Gastgeber eine offizielle Rechnung oder Quittung von mir forderte. Alle Anderen bezahlten mit Geld, das offiziell auf keiner Abrechnung erscheinen durfte. Schon gar nicht auf einem Bankkonto. Über die Jahre hinweg entwickelte sich so, zumindest in meinem Fall, ein bis in jede sensible Wahrscheinlichkeit bedachtes geheimes Abrechnungssystem. Nach Aussage unterschiedlicher Fachleute ist diese Vorgehensweise vieler selbstständiger DJ den Finanzbehörden sogar durchaus bekannt, ließe sich aber nur unter unverhältnismäßigem Aufwand entdecken und nachweisen.

Doch die Dynamik von „Geld im Fluss“ funktioniert nur, wenn Geld auch wirklich fließen kann. Die am Anfang dieses Kapitels beschriebenen Missstände infolge der Währungsumstellung auf den Euro, spiegeln sich offensichtlich auch in der allgemein schlechten Zahlungsmoral vieler Kunden wieder. Der Wille, eine pompöse Feier - wie z.B. damals zu D-Mark-Zeiten - zu feiern, kollidiert immer häufiger mit den dafür bereitstehenden finanziellen Mitteln. Beim Bezahlen kommen plötzlich allerdings uralte psychologische, menschliche Verhaltensmuster zum Vorschein – nach Art eines türkischen Basars wird die zu kaufende Ware (in diesem Fall also der Auftritt des DJ) einfach schlecht geredet. Seltsam – denn die Tanzfläche war über Stunden brechenvoll mit gut gelaunten Menschen, unter ihnen natürlich auch der nun urplötzlich klamme Auftraggeber. Oder: obwohl vorher ausdrücklich vereinbart und auch allgemein üblich, hat der Auftraggeber das Geld am Ende der Veranstaltung mit folgender Ausrede nicht dabei: „Ich wollte nicht so viel Geld mit mir herumtragen! Kann ich es morgen vorbei bringen?“ Nach monatelangem Hinterherlaufen meinerseits oder Verleugnen und sogar Verstecken (wie albern!) kundenseits - schließlich sogar nach einem gerichtlichen Mahnverfahren… jetzt mal ehrlich - das möchte ich mir einfach nicht mehr antun. Ich war doch DJ, nicht Inkassounternehmer.

Auch eine Tatsache, die ich ganz am Anfang nicht für möglich gehalten hätte: mit über fünfzig Jahren steckt mir eine als DJ durcharbeitete Nacht wesentlich tiefer in den Knochen, als mit fünfundzwanzig. In der Blütezeit der SOUNDBOX gab es Wochenenden, an denen ich bis zu vier Termine hintereinander absolvierte. Beispiel: Feiertag, Donnerstagabend von 18.00 bis morgens um 4.00 Uhr , Freitagabend von 19.00 bis 5.00 Uhr, Samstagabend wieder von 18.00 bis 4.00 Uhr und schließlich noch einen Frühschoppen am Sonntag von 11.00 bis 23.00 Uhr. Das sind an vier Tagen immerhin 42 Stunden (OHNE An- und Abfahrt und ohne Auf- und Abbauzeiten). Es wird wohl einleuchtend sein, dass ich dann hinterher rechtschaffend erledigt war. Montags musste ich jedoch wieder ganz regulär zur Arbeit.

Genauso platt wäre ich übrigens heute bereits nach nur einer einzigen Feier. Daher möchte ich mir aktuell vier Feiern hintereinander gar nicht mehr vorstellen – wahrscheinlich benötigte ich schon nach der zweiten Party ein Sauerstoffzelt. Also auch in diesem Punkt: „Time to say goodbye!“


Eine letzte Fortsetzung folgt noch!
>>HIER>>

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen