Dienstag, 16. Juli 2013

Heil - unter - Franken

Wenn ich von Bayern spreche, werde ich mehrfach energisch zurechtgewiesen: "Wir sind Franken!"

Das ändert jedoch wenig daran, dass das kleine unterfränkische Örtchen Kirchaich, gerade mal 20 Kilometer vom oberfränkischen Bamberg entfernt, auffallend im südlichsten Bundesland Deutschlands liegt. In dieser ländlichen Idylle führt Manfred Heil, Mitglied des 1. Internationalen K70-Clubs, in alter Familientradition ein gut gehendes Volkswagen-Autohaus.



In dieser Funktion kam der fleissige VW-Mann über Jahrzehnte zu diversem automobilen Antiquariat - das er nun in seiner privaten Aservatenkammer - der Kellergruft seiner neuesten Werkstatthalle - und einigen anliegenden Garagen hinter Rasenmäher, Reifenstapeln und ausrangierten Lackmischgeräten hortet. Bei ihm wusste der Käufer eines neuen VW oder Audi nicht selten bereits beim Kauf, dass sein Fahrzeug Jahre später wieder in die "Heilschen Hallen" zurückzukehren hatte - auch eine Art der Kundenbindung!

Dementsprechend interessant hören sich allerdings auch die Geschichten an, die Manfred über seine Schätzchen zu erzählen weiss. Wie zum Beispiel die über den hellbeigenen 72er "Dreizehnnullzwei", der hier von Allen nur liebevoll "der nicht normale Käfer" genannt wird und sein Dasein abgemeldet in der Doppelgarage des Wohnhauses fristet. Sein mittlerweile verstorbener Vorbesitzer hat ihn seinerzeit mit allem möglichen und unmöglichen Zierrat versehen, der für Geld und gute Worte zu haben war. Lufthutzen, Spoiler, Heckfensterjalousie, Weisswandreifen, Frontscheiben- Sonnenschutzblende, zusätzliche Nebel- und Fernscheinwerfer, Zweiklangfanfaren, Rallyspiegel, Armaturenbrett im Echtholzdekor, rote Innenausstattung, Teleskopantenne an der Heckstoßstange (?!?) sorgen für gewünschte Individualisierung.
Im Verkaufsraum des Autohauses wird man neben den nagelneuen VW-Modellen auch von Manfred's kasanrotem K70 empfangen. Dessen Vorbesitzer besaß zunächst ein identisches Fahrzeug, das er aber bei einem Unfall aus eigener Schuld total zerstörte. Damit niemand von diesem Missgeschick erfuhr, besorgten Heils unverzüglich Ersatz im gleichen Outfit. Später kam dieser Wagen in miserablem Zustand zurück, wurde hier aufwendig wieder hergerichtet und erfreut heute voll funktionierend in astreiner Optik.
Etwas stiefmütterlich werden dagegen die ältesten Preziosen der Sammlung behandelt. Um sie zu besichtigen suchen wir die Fertiggaragen im hinteren Teil des Anwesens auf. Hinter "Chef's Freizeitcabrio", dem roten Aufsitzrasenmäher, erkennt man im Halbdunkel eine türkisfarbene Käferlimousine. Das ehemalige Kundenfahrzeug ist bereits 51 Jahre alt, wurde schon vor 15 Jahren restauriert, hat 34 PS und noch 6-Volt-Elektrik. Manfred erzählt, dass er den Motor jedoch mit einer 12-Volt-Batterie starte: "... der dreht dann einfach viel besser durch!"

Zwei Garagen weiter fällt einem bronzemetallic-farbenen Käfercabrio mit hellbeigenem Verdeck die Sonne auf den 71er Bug. "Lass das Tor auf - ich will Sonne!" soll der 1302 gestern Abend beim Verschließen der Garagen gesagt haben. Demnächst möchte Gertraud, Manfred's Gemahlin, mit ihm mal wieder durch Unterfranken fahren - "Schaun 'mer mal!"
In der letzten Garage schlummert ein 61er DKW Junior Deluxe - bereits unter einer deutlichen Staubschicht und hinter reichlich ausgemustertem Autohausgedöns. Sein Zweitakter hat die Luft des nahen Steigerwalds wohl schon lange nicht mehr mit einer typischen Ölfahne gewürzt.

Das Autohaus Heil verfügt seit Kurzem über eine neue Halle, in der Karosseriearbeiten und Achseinstellungen durchgeführt werden. In ihrem kühlen Untergeschoss finden sich Manfred's jüngere Exemplare. Gleich nachdem man eine Betontreppe herabgeschritten ist und eine Gittertür geöffnet hat, stolpert man quasi über das erste Gefährt: einen blauen Golf Country. Wenn man es ganz genau betrachtet, ist er eigentlich der UR-SUV - aus einer Zeit, als man diese Bezeichnung nicht mal kannte. Der hier verfügt über nahezu alle Extras, die es 1990 zu kaufen gab, inklusive der serienmäßigen Anhängerkupplung. So ein Fahrzeug gab also vor 23 Jahren der Jäger seiner Familie. Diesen Wagen und übrigens auch die beiden Nächsten bezog Manfred von einem weit entfernten Händlerkollegen.

Schräg daneben parkt nämlich ein kupfermetallic-farbener Audi 100 5E Avant mit einem 2,2 Liter-5Zylinder-Motor und 136 PS. Um in Besitz dieses C2 Typ 43 zu gelangen musste Manfred Heil richtig kämpfen. Das sehr gepflegte Exemplar kam erst nach viel Hin und Her in die Sammlung. Manfred schwärmt heute von seinem super Motorlauf.
Auf der Beifahrerseite steht ein vollkommen unverbastelter, weil originaler VW Corrado G60 in Dark Violett Metallic auf schicken BBS-Felgen. In diesem sensationellen Zustand ist ein Corrado inzwischen absolut selten. Zur Farbe gibt es übrigens eine etwas peinliche Geschichte aus dem Osnabrücker Karmann Werk - wo der Corrado von 1988 bis 1995 gebaut wurde. Es war damals nämlich zugleich das ziemlich ähnliche "Dark Blue Metallic" erhältlich. Bei Karmann wurde zu der Zeit noch "von Hand" lackiert. Damit die Lackierer nicht um das Fahrzeug herum laufen mussten, waren zwei Kollegen links und rechts mit ihren Lackieranzügen und Atemhauben in Aktion. Eine grundierte und gefüllerte Karosserie kam dann auf einem Fließband herein, die Lackierer hüllten den Wagen in die gewünschte Farbe und weiter ging es. Irgendwie muss jedoch einer der beiden Lackierer die Farbpistolen verwechselt haben - so wurde die eine Hälfte Dark Violett, die andere Dark Blue. Niemand in der Montage bemerkte den Fehler. Selbst durch die penible Endkontrolle kam der Corrado. Er wurde draußen auf dem Parkplatz im hellen Tageslicht zur Abholung bereitgestellt und ordnungsgemäß verschlossen. Der dafür zuständige Meister hatte dem Wagen bereits den Rücken zugekehrt... und wohl doch im allerletzten Augenblick etwas bemerkt. So wurde der Wagen wieder komplett demontiert und noch mal neu lackiert. Vielleicht war es ja sogar genau dieses Exemplar aus Manfred's Sammlung.




Eine traurige Geschichte mit glücklicher Wendung hat auch der weiße Scirocco Scala. Ihn hatte Manfred 2009 kurz entschlossen im Zuge der letzten staatlichen Verschrottungsaktion vor der Schrottpresse gerettet. Um diese Prämie rankten sich ja damals die unglaublichsten Erzählungen - schaut man sich Manfred's Scirocco an, erkennt man, dass dieses Auto unbedingt zu diesen Legenden gehört: das Einzige, was ihm wirklich fehlt, sind die Embleme an der Heckklappe. Die weißen Sitze sind in einwandfreiem Zustand, an der Karosserie entdeckt man nirgendwo Rost. Wegschmeissen wäre wirklich eine Schande gewesen! Manfred zahlte dem Besitzer (der sich übrigens bei der Gelegenheit einen neuen Eos zulegte) einfach den Preis der Verschrottungsprämie und stellte den Scirocco zu seinen anderen Fundstücken.
Keine besondere Geschichte hat hingegen der graumetallic-farbene Audi 80 (Typ 89). Er hat weder eine Servolenkung, noch eine Klimaanlage, nicht mal eine Zentralverriegelung - und gerade das hat ihm den Zugang zu dieser Sammlung verschafft.
Ein besonderes Juwel - und hier unten ausnahmsweise ein kleiner Rückschritt in die Mitte der 60er Jahre - ist der rote Karmann Ghia 1500S Typ 34. Er ist ungeschweisst und original. Heils haben damit u.a. schon an Karmanntreffen in Georgsmarienhütte teilgenommen.
Wenige Zentimeter daneben macht ein schwarzer Golf 4 von 2001 nichts her... oder doch? Seine Daseinsberechtigung in dieser Runde entstammt seinen inneren Werten. Er ist nämlich ein äußerst seltener GTI GTD mit 150 PS. Diese Bezeichnung hatte ich vorher noch nie gehört!
Schräg dahinter lugt ein lindgrüner 83er Audi Coupè GT 5E unter einer weißen Kunststofffolie hervor. Er war damals beim Autohaus Heil als Neuwagen ausgeliefert worden. Als der Besitzer alt und dem Tod nahe war, spitzte dessen Verwandschaft auf das gepflegte Fahrzeug als Erbstück... sie hatte die Rechnung jedoch ohne den Greis gemacht. Der hatte Manfred nämlich den Wagen versprochen - so landete er hier. In seinem Kofferraum befand sich schon damals zudem ein reichhaltiges Sortiment an Ersatzteilen. Manfred nutzt folglich alle seiner Schätzchen als Lager für entsprechende Teile - irgendwann kann man sicherlich das Eine- oder Andere gebrauchen. Speziell zum Coupè gibt es auch eine schöne Verkaufsmappe mit vielen Hochglanzbildern. Auch ihr Wert gewinnt, wie der des Fahrzeugs, stetig.

Bis ins Jahr 1998 konnte man beim Autohaus Heil auch Audis bestellen. Dann lief der Vertrag mit dem Ingolstädter Hersteller aus. Seitdem ist man hier spezialisiert auf Volkswagen. Aus 1992 stammt daher ein besonderer Eyecatcher: ein perlmuttweißer Audi 100 TDI mit 115 PS aus 5 Zylindern. Sein ehemaliger Besitzer, ein Professor-Doktor der Uni Bamberg, hatte dieses damals 80.000,- DM teure Luxusschiff hier bestellt. Stilvoll hatte er es im Autohaus Heil außerdem mit Schlußleuchtenband, Heckspoiler, weißen Blinkern vorn und Tieferlegung ausstatten lassen. Das Lederinterieur war selbstverständlich ab Werk verbaut. Auch dieses Fahrzeug wurde "früh zurückverpflichtet".
Neben diesem Prachtstück bringt Manfred den Betrachter mit einem schlichten, weißen Golf 2 wieder auf den harten und kalten Betonboden zurück. Die Standardversion des schüchtern in der Ecke Harrenden war hier 1988 gekauft worden. Warum er nun in dieser Sammlung steht? Ganz einfach: an seiner Windschutzscheibe klebt (zu Recht) eine grüne Umweltplakette und er ist ansonsten noch sehr gut in Schuß.
Andächtig lausche ich Manfred`s Erzählungen. Hier unten hat er alte Zeiten konserviert. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie die alltäglichen Autos von damals ganz klammheimlich aus dem Strassenbild verschwinden. Wann hat man letztes Mal einen Golf Country gesehen? Wann einen richtig schicken Corrado oder Scirocco? Das Coupè ist inzwischen richtig rar und selbst die Audi 100 (C4)-Reihe sieht man seltener.
... in Bamberg
Plötzlich ruft oben in der Karosseriehalle jemand "... wo bleibt ihr denn?" Mist, wir haben hier in der Kühle die Zeit vergessen. Eigentlich wollten wir ja in einen Brauereigarten Essen gehen. Nun ist Manfred`s Frau etwas sauer. "Immer diese alten Autos - dabei haben wir so viele schöne, neue", schimpft sie. Recht hat sie - und auch wieder nicht. Wenn ich es richtig verstanden habe, weiß sie nicht mal, welche Schätze ihr Mann da genau hortet. Daher spricht sie von "Leichen im Keller". Das ist mal wieder der Beweis: Männer und Frauen sprechen oftmals nicht die gleiche Sprache.

Als ich mich bei Manfred für den Einblick in seine schöne Sammlung und die vielen interessanten Geschichten bedanke, fällt mir ein Blitzen in seinen Augen auf. Wenn der bald Sechzigjährige irgendwann in den Ruhestand geht, will er den Staub von seinen Schätzchen pusten und öfter mal mit dem einen oder anderen alten Wagen durch Franken reisen. Und auch mit Gertraud!
 

Kommentare:

  1. In Franken kenne ich mehrere Autosammler. Dort scheint eine Hochburg zu sein ;-).
    Der Golf 2 muss von 1988 sein nicht von 1978 :-).

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  2. Hi El,

    schöner Bericht! Den größten Teil der Autos würde ich mir gern selbst hinstellen ;-)

    Den Corrado fabd ich eigentlich nie so toll, aber unverbastelt waren sie schon in den 90ern schwer zu bekommen.

    Steffen

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  3. Danke für diesen tollen Bericht nebst Fotos. Viele VW´s sind klasse, vor allem, wenn sie unverbastelt sind Der Country in dem Zustand ist nen Knaller. Auch wenn ihn viele nicht mochten. D wär einer für mich. Gruss, der gasende Oberlehrer Marc

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    1. ... auf den ist Manfred auch besonders stolz!

      Danke für das Lob!

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  4. Ah, das ist ja dieser K70...
    http://www.motor-klassik.de/fahrberichte/audi-100-ls-vw-411-le-und-vw-k-70-l-fahrbericht-konzern-rivalen-7131324.html

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    1. Oh Mann - peinlich!!!

      Gerade sehe ich, dass da nicht Santa sondern Santana Klaus steht! Sorry, mein Lieber - da ist mir wohl ein Lesefehler unterlaufen :-/

      Tja, das Gehirn liest nur, was das Auge übersieht... oder so! War nicht so gemeint ;-)

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