Samstag, 18. Juni 2016

Schatz aus der Scheune

Irgendwie habe ich wohl doch alles richtig gemacht! Denn ich bin stolz auf das, was ich meinen Kindern mitgegeben habe. Auch wenn manch Aussenstehender denken mag, dass wir doch einen ganz gehörigen Schlag an der Waffel haben - es ist ein tolles Gefühl, wenn man bemerkt, dass die persönlichen Ideale und Ziele auch bei den eigenen Kindern angekommen sind.

Ausserdem mag ich dieses Gefühl der Überraschung, mag das Stöbern im staubigen Dunkel. Denn Schätze liegen selten im Hellen, Neuen, Aufgeräumten. Sie liegen meistens eher dort, wo kaum noch das Tageslicht hinkommt und es meistens muffig riecht. Eigentlich waren sie ja vielleicht schon vergessen, verbraucht, aus der Mode gekommen oder sowieso ungeliebt und deswegen beiseite geschoben. Für mich sind sie jedoch wie ein Fenster zu ihrer Zeit - deshalb bezeichnen viele Menschen diese Schätze ja auch als Zeitmaschinen, insbesondere dann, wenn es sich um alte Autos handelt.

War ja wieder klar, dass es um alte Autos geht...
Peter mit dem blauen Club-Shirt in Bockhorn auf dem Oldtimermarkt
Nach unserer Rückkehr vom Oldtimermarkt in Bockhorn betrete ich mit Peter und Marcel zwecks Nahrungsaufnahme die Kultkneipe "Leifi" in Cornau. Einer der Gäste spricht uns sofort auf den Aufdruck unserer knallblauen Club-Shirts an. "Was issn K 10?" will er, Jörg, wissen. "Das heisst nicht K 10, das heisst K 70", kläre ich gleich auf und erzähle von unserem Clubobjekt, dem ersten wassergekühlten, frontgetriebenen Volkswagen. Jetzt dämmern dem Gast auch alte Geschichten... er kennt den K 70. Und dann wirft er unvermittelt ein "Ich hab ja ein Golf 1 Cabrio - willste das kaufen? 1000,- Euro!"

Lukas, mein Sohnemann, meinte vor einiger Zeit mal, dass er wohl Interesse an solch einem Wagen hätte. Also schickte ich ihm unverzüglich das Cabrio-Angebot per Whatsapp. Bei "Leifi" hat man aber kein Netz, deshalb erwartete ich auch noch keine Antwort.


Keine halbe Stunde später steht Lukas jedoch vor unserem Tisch - Zufall, denn er wusste eigentlich nicht, dass wir hier essen. Er hat auch einfach nur Kohldampf und ist deswegen hier eingekehrt. Meine Whatsapp-Nachricht hat er allerdings bereits erhalten - ich vermittele ihn bezüglich des Cabrios direkt an den Nachbartisch. Ich bekomme noch mit, dass er sich den Golf wohl in den nächsten Tagen mal ansehen wird.

Zwei Tage später soll auch ich der Fahrzeug-Besichtigung beiwohnen. Früher habe ich meinen Sohn zu solchen Anlässen mitgenommen, heute passiert das umgekehrt. Lukas findet, dass wir uns damit in einer guten, alten Tradition bewegen. Und ich finde, da hat er Recht. Eine schöne Tradition von Vater und Sohn.

Also treffen wir uns in einem verpennten Kaff vor einem ehemaligen Gasthof... alles ziemlich herunter gewirtschaftet. Jörg erscheint an der Tür, wir folgen ihm auf den Hof vor eine verfallene Scheune. Das Kribbeln beginnt - was wird uns hinter dem alten Tor erwarten? Jörg zerrt das bunt bemalte Holztor weit auf. Ein Wohnwagen parkt im Halbdunkeln. Es riecht nach altem, feuchtem Stroh. Durch die Dachpfannen und einige fehlende Bretter der Holzfassade tritt das Tageslicht, ein Mauerteil ist aus dem Fachwerk gefallen. Überall liegen Reifen, Motorradteile, Rasenmäher und alles mögliche Gerödel.

Staubiger Geselle

Ähnlichkeit mit Fotos der TITANIC... nur nicht unter Wasser

Jörg führt uns hinter den Wohnwagen... schon stehen wir vor dem total eingestaubten Golf. Hinten aufgebockt - ohne Räder. Warum hat er die Räder abgenommen? Damit die Bremsen nicht fest gehen. Wo sind die Räder jetzt? Da vorne liegen sie, unter der Plane. Und Alufelgen gehören auch noch dazu. Aha! Da liegen auch noch Stoßstangen, und 'ne Mittelkonsole... und, und, und. Gehört alles dazu, was soll er damit noch. Auf dem Cabriodach liegen ein paar alte Ski.

Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit - meine Güte, liegen auf dem Fundstück Mengen an Staub. Und durch die Autofenster ist rein gar nichts zu sehen. Aber die Tür ist unverschlossen. Die Taschenlampenfunktion des Smartphones wirft einen bescheidenen Lichtstrahl ins Innere des Fahrzeugs. Es riecht muffig, an den Türverkleidungen finden sich helle Schimmelflecke, die Sitze machen einen einigermaßen vernünftigen Eindruck. Weiter außen: der Tankdeckel ist großzügig mit Panzertape zugeklebt, am Schweller auf der Fahrerseite direkt hinter dem vorderen Kotflügel ist eine etwa Streichholzschachtel große Roststelle - aber nicht durchgerostet. Sonst ist erstaunlicherweise kaum Rost auszumachen. Vielleicht ist es aber auch nur zu dunkel.

Während ich mir die vielen herumliegenden Ersatz- und Zubehörteile ansehe, ist Lukas schon mit dem finanziellen Teil beschäftigt. Ich sehe nur, wie sich die Beiden die Hand reichen. Lukas zählt Geld und überreicht es Jörg. Ich erfahre später, dass es 900,- Euro waren. "Ich wollte ihm nicht einfach nur geben, was er verlangte", triumphiert Lukas. Ich habe einen richtig geschäftstüchtigen Sohn.

Cabrioheck ohne Räder

Zugeklebter Tankdeckel

Dezentes Staubgrau, wohin man schaut

Wiederbelebenswert

Zwei Tage später hat er nach Feierabend den neuen Transit und den Trailer seines Chefs dabei - wir holen das Cabrio ab. Die hinteren Räder sind wieder dran und der Wagen ist auch schon mit einem Traktor nach vorn gezogen. Als wir das Fahrzeug per Winde auf den Trailer ziehen, blockiert das hintere rechte Rad. Jörg kann sich das nicht erklären. Hatte er die Räder doch damals extra abgenommen, damit die Bremsen eben nicht festrosten - die Logik dieser Maßnahme will sich mir jedoch nicht erschließen. Vielleicht ist es Jörgs unbewusst letzter Versuch, den Verkauf seines geliebten Cabrios zu manipulieren, denn er gesteht uns, dass ihm der Abschied echt schwer fällt. Ich frage ihn, ob wir schnell verschwinden sollen, oder lieber langsam. Er schluckt und antwortet "schnell!" Zwei Minuten später sind wir vom Hof - Tschüss und wech!

Irgendwie idyllisch

Cabrio in zugiger Umgebung

Endlich auch von hinten zu betrachten

Die automobile Kreatur verlässt nach 15 Jahren das Verlies

Ab durch die Sonne

An "Leifi" vorbei... da, wo diese Geschichte anfing

Zuhause muss der Golf natürlich vom Trailer. Aber wie - mit dem blockierenden Rad? Glücklicherweise finde ich heraus, dass das Rad mit zu langen Radbolzen befestigt ist und daher in der Trommel blockiert - mit kürzeren Radbolzen rollt der Wagen problemlos vom Anhänger. Er steht jetzt erstmal unter unserem Carport.

In Carportgesellschaft

Beim Leerräumen und Sichten des Fundes fällt mir auf, dass die Liebe des Vorbesitzers irgendwie nicht so groß gewesen sein kann. Warum fehlt der rechte Verriegelungsmechanismus des Verdecks, warum ist der Luftfilter demontiert, warum hat man die Türpappen und hinteren Seitenverkleidungen mit so widerlichen Lautsprechern verunstaltet und warum ist der Tankdeckel mit Panzertape gesichert? Wenigste der letzte Punkt lässt sich klären: der Deckel hat absolut keinen Halt mehr im Tankeinfüllstutzen. Der ist nämlich rundum völlig weggerostet - absolutes Knäckebrot. Dummer Nebeneffekt ist dabei nur, dass der gelöste Rost ganz sicher den Weg in den Tank gefunden haben dürfte. Über die Spritleitung wird er den Benzinfilter verstopft und damit den Motorlauf negativ beeinflusst haben. Das könnte vielleicht sogar der Grund dafür sein, warum das Fahrzeug vor 15 Jahren abgemeldet und eingemottet wurde. Keine Lust, weil geht nicht mehr!

Es gibt viel zu tun! Wir packen's an! Am 6. September soll das Cabrio ein Hochzeitsauto sein!

Mal der klassische Vergleich: vorher...

... nachher

1 Kommentar:

  1. Es ist schon unglaublich, was man so erlebt, wenn mman in Sachen altem Blech unterwegs ist. Ich lebe das Hobby erst seit ca. 7 Jahren. Was sich in der Zeit alles ereignet hat, über Autos, Hallen, Erstzteile u.s.w. ist unglaublich. Das beste daran, es haben sich Freundschaften gebildet, die ich nicht mehr missen möchte. Ich kann die Geschichte nur unterstreichen, zu 100%

    Der Wäller
    petrod

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