Montag, 2. Juli 2012

Estate in Sicilia

Am Abend des 28. März ist die neue Photovoltaikanlage auf dem Dach unseres Wohnhauses und der Garage montiert. Zwar fehlen noch die wichtigen Wechselrichter zur Einspeisung des produzierten Stroms in das öffentliche Netz - dennoch ist die Installation zeitgerecht für die alte staatliche Förderung - die nämlich drei Tage später drastisch zusammengestrichen werden soll.
... von der Sonne, durch die Sonne, für die Sonne, in die Sonne
Nun behandelt uns das Finanzamt als stromproduzierenden Kleinunternehmer. In dessen Folge müssen wir die Vergütung unseres Stroms natürlich versteuern. Damit unterliegen wir nicht nur gesetzlichen Pflichten – wir genießen auch entsprechende Rechte. So erhalten wir beispielsweise die für unsere Photovoltaikanlage entrichtete Mehrwertsteuer retour. Auf einen Schlag stehen uns also plötzlich über viertausend Euro zur Verfügung. Ein leckerer Betrag, über dessen Verbrauch wir eigentlich weder lange noch krampfhaft nachdenken müssen.
Sizilianische Triskele - uraltes Symbol für Sonne oder Lebensweg
Angesichts des auch in diesem Frühsommer kühlen und nassen Wetters, der wackeligen Sommerwetterprognosen und der katastrophalen Erinnerungen an den Sommerurlaub des letzten Jahres, entscheidet der Vorstand unseres Familienrates nach einigem kritischen Abwägen, dass der erste “Ertrag” unseres erneuerbare Energie erzeugenden Sonnenkraftwerks für einen Sommerurlaub in die vitalisierende Sonne verwendet wird. Sonnenrecycling sozusagen – von der Sonne, durch die Sonne, für die Sonne, in die Sonne.
Viva Italia!
O Sole mio … das ist naturalmente Italienisch! Und somit der erste Hinweis auf unser Ziel. Eigentlich ist es jedoch nicht notwendig, dieses Spiel der geheimnisvollen Urlaubszielbenennung künstlich in die Länge zu ziehen. Jeder, der uns kennt, weiß von unserer siziliphilen Gesinnung – besser: von einer immer vorhandenen unbeherrschbaren Sucht nach dieser größten Mittelmeerinsel und ihren überaus herzlichen Bewohnern.
Sizilien – wir kommen!
Der Weg zum Ziel - quer durch Europa
Während der ersten Aprilwochen reift unser Plan. Es gibt Überlegungen, die gesamte Strecke – hin und zurück, alles zusammen sind es immerhin über 5.400 Kilometer – mit einem oder beiden Autos (in einem Audi A2 kann man schließlich schlecht mit vier Personen übernachten!) zu fahren. Oder aber nutzen wir aus Kostengründen nur auf der Hinfahrt die Fähre von Genua nach Palermo und sollen wir den Rückweg hingegen komplett per Straße bewältigen?
Unsere "La Superba" im Hafen von Genua
Als wir jedoch im Internet erfahren, dass sich momentan der Fährpreis in erträglicher Höhe hält, ist unsere Entscheidung für diese Reiseart gefallen: den Hinweg werden wir also in günstigen (und zumindest für mich nicht zum Schlafen geeigneten) Pullmannsesseln aushalten müssen – vom  Zielhafen Palermo bis an unseren Urlaubsort Menfi werden wir nur noch erträgliche etwa eineinhalb Stunden unterwegs sein. Auf dem Heimweg hingegen werden wir eine deutlich komfortablere Kabine nutzen – von Genua’s Hafen, den wir auf dem Rückweg erst Abends erreichen werden, bis zurück in die norddeutsche Heimat, sind es allerdings über 1.200 Kilometer – für die wir über Nacht wenigstens zwölf Stunden benötigen werden. Das ist aus Erfahrung allerdings nur gut ausgeschlafen durchführbar.

Im Internet informieren wir uns über eine ordentliche Auswahl an interessanten Urlaubsunterkünften. Da wir uns im Zielgebiet gut auskennen, ist schon bald eine günstige Ferienwohnung gefunden – und gebucht. Nach meiner Meinung wurde es dafür auch wirklich höchste Eisenbahn, denn Mitte April dürfte es sonst für diesjährige Sommerurlaubsbuchungen von Unterkünften langsam eng werden.

Warum eigentlich ausgerechnet Sizilien?
Nur zur Übersicht: das Zielgebiet (links)
Damit steht unserem Urlaub also nichts mehr im Wege: die schönste Zeit des Jahres steht unter dem Motto “Estate in Sicilia – Sommer in Sizilien”– wir haben es also wieder getan – wir werden es wieder tun! Für mich ist das seit 1989 bereits der neunte Aufenthalt auf der sonnigen Mittelmeerinsel. Damals hatte ich als Discjockey des “Old Inn” in Emstek bei Cloppenburg einige italienische “Fans”. Weil sie bei mir häufig italienische Musik zu hören bekamen – und sie tanzten danach auch begeistert – luden sie mich im Gegenzug zum Spaghetti-Essen ein. Und ehe ich mich versah, baten sie mich, sie auch im Urlaub in ihrer Heimat besuchen zu kommen. Auf die Frage, wo genau das denn wohl sei, bekam ich “Menfi” zur Antwort, was für mich eher amerikanisch klang. Doch die Italiener präzisierten ihre Angabe gern; Menfi ist ihre Stadt auf Sizilien.
1989 - mit 50 PS-Luftboxer OHNE Aircondition

Dieses reizvolle Angebot nahm ich damals gern an und erreichte im Sommerurlaub des besagten Jahres 1989 tatsächlich nach drei Tagen und über 2.700 Kilometern mit meinem VW-Transporter (50 PS-Luftboxer, 110km/h Spitze … und natürlich OHNE Klimaanlage) bei extremer Augusthitze das südwest-sizilianische 12.000-Seelen-Städtchen.
1989 - typisches Wooling an der Fähre von Reggio di Calabria nach Messina

Dort wurde ich in typisch sizilianisch-familiärer Sitte aufgenommen. Innerhalb weniger Tage lernte ich viele Einheimische kennen. Sie alle erdrückten mich fast mit ihrer unglaublichen Gastfreundschaft. In dieser kurzen Zeit wurden mir verwandtschaftliche Verhältnisse, Leiden, Privatsphären, Bräuche, Kulinarisches und wahnsinnig viel Anderes aus dieser bunten Inselwelt vorgestellt. Ruckzuck kannte mich der halbe Ort und in allen Gassen hörte man wenn ich mit dem Auto und heruntergekurbelten Fenstern durch die Stadt fuhr immer wieder “Ciao Andrea, come stai?” (das“s” am Ende meines Namens können Italiener einfach nicht aussprechen). Zwischen diesen vielen kleinen sizilianischen Menschen fühlte ich mich willkommen und sehr wohl. Und das hat sich bis heute, über zwanzig Jahre später, nicht geändert.
Familie auf sizilianisch
Begehrte Rudelfotos

Speziell die Beziehung zu Familie Vetrano ist mehr als nur herzlich. Nonno (Großvater) Salvatore (mittlerweile über 80), hat vor vierzig Jahren in Cloppenburg/Niedersachsen bei Pfanni (küchenfertige Kartoffelprodukte) gearbeitet. Seine jüngste Tochter Irene (42) hat demzufolge bis zu ihrem 12. Lebensjahr eine deutsche Schule besucht – daher kann man sich mit ihr ausgezeichnet auf Deutsch unterhalten. Nonna (Großmutter) Francesca ist 2009 leider infolge einer Bauchspeicheldrüsenkrebserkrankung verstorben. In der Familie leben noch die Fratelli (Brüder) Gino (45) und Mario (40). Weitere Geschwister sind Angelo (47, lebt mit Moglie [Ehefrau] Lucia in der Nähe von Cloppenburg), Giuseppe (“Schwarzes Schaf” der Familie, geschieden, lebt in der sizilianischen Nachbarstadt Sciacca), Sorelli (Schwestern) Angela (52, lebt mit Marito [Ehemann] Giuseppe in der Schweiz), Carmela (50, lebt mit Ehemann Dino im sizilianischen Santa Magherita) und Lina (lebt mit Ehemann Angelo im ebenfalls hiesigen Montevago).  Außer Mario, Gino und Irene haben alle Geschwister Kinder, die sich somit auf ein weiteres Dutzend summieren. Auch einige dieser Kinder sind schon Eltern. Damit besteht allein diese Sippe aus über 30 Personen. Jede Menge Zie (Tanten), Zii (Onkel), Cugini (Cousinen und Cousins), Cognati (Schwäger, Schwägerinnen und Schwiegereltern), Nipoti (Nichten, Neffen und Enkelkinder) und Pronipoti (Urenkel). Sie alle haben mich und meine Familie einfach an ihren Stamm angeschlossen.“Tu sei per me come un fratello” = Du bist für mich wie ein Bruder. “La tua famiglia è la mia famiglia” = Deine Familie ist auch meine Familie. Grazie anche tu – Danke, gleichfalls!
Weites, warmes Sizilien

Diese ausgeprägte Form der Familie und Freundschaft mag zugegebenermaßen ein bisschen an jenen angegilbten Roman von Mario Puzo erinnern, der Anfangs der Siebziger Jahre mit Marlon Brando und Al Pacino in den Hauptrollen als“Der Pate” zu einem künstlerisch bedeutenden Werk der Filmgeschichte geworden ist. Selbst die Mafia behauptet seitdem gern, dieser stark idealisierende Film habe ihr Lebensgefühl genau getroffen – ein Experte für organisiertes Verbrechen nannte ihn sogar den „besten Werbespot für die Mafia, der je gedreht wurde“.
In den Straßen von Menfi - ein bisschen wie in den Kulissen von "Der Pate"

Man muss nur ein klein wenig sensibel sein, um die Seele von Don Vito Corleone und seinem Gefolge auf Sizilien tatsächlich zu spüren. Bei meinen Besuchen in Menfi wiederholt sich beispielsweise immer Folgendes: gleich am ersten Tag unternimmt einer der meist männlichen Familienmitglieder einen auffälligen Citycheck mit mir in meinem Auto. Der Grund ist rein prophylaktischer Natur: jeder kann sehen, zu welcher Familie ich und mein Fahrzeug gehöre – niemand sollte es auch nur wagen, mein Fahrzeug zu entwenden. Käme es dennoch dazu, wäre sehr schnell klar, wer sich an ihm vergriffen hat – man kennt offensichtlich seine Pappenheimer. Mit einem verschmitzten Augenzwinkern wurde mir gleich erklärt “… in einem solchen Fall: einfach Bescheid sagen und Ruhe bewahren. In weniger als einer Stunde ist der Wagen wieder da: vollgetankt und frisch gewaschen!” Ich glaube, ich könnte mein Auto sogar offen in Menfi stehen lassen – ein Einheimischer würde sich sicher daneben stellen und darauf aufpassen.
... damals

In etwas mehr als einem Monat ist es endlich soweit – Menfi, otteniamo! Wir kommen! Wen diese Reise in die sizilianische Sonne interessiert, der sollte hier demnächst wieder hereinschauen.

Bis dahin Ciao – Leggiamo! Wir lesen uns!

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