Mittwoch, 6. April 2011

Ich im Reich der Buchstaben

Irgendwie bin ich da „nur so reingerutscht“. So, wie ich in Alles eigentlich „nur so reingerutscht bin“. Auf der Festplatte meines Computers hatte ich jedenfalls damals schließlich einen kompletten eMail-Schriftverkehr abgespeichert.


2004 sprach NICHTS für einen Autoren

Wie es dazu kam

Damals war das Jahr 2004 und ich gerade meinem Ehedesaster entkommen. Während ich schwer angeschlagen aus dem Rauch dieses fiesen Krieges, der noch immer als schwerer Nebel über meinem Kopf hing, ins Licht taumelte, fand ich mich im Herzen einer reizenden Leipzigerin wieder. Innerhalb weniger Wochen breitete sich ein geniales Emotionen-Bouquet über uns aus. Unsere Liebes-Amplitude entsprang einer fast belanglosen, schüchternen Mail, entwickelte sich über seitenlange Erzählungen zu kochend heißen Schwüren, wechselte lustvoll zum Chat, schwappte leidenschaftlich in die Dimension des Telefonierens, auch der SMS und brandete schließlich als erotisch knisterndes Date in einem Hotelzimmer. Erst Wochen später änderte das Schicksal den Fahrplan komplett. Die atemberaubende Lovestory war vorüber.
Ich weiss, dass sich diese Beschreibung sehr kitschig anhört. Doch sie trifft die sehnsuchtartigen Gefühlsausdrücke dieser Zeit punktgenau.

Einige Jahre später, ich befand mich inzwischen in ruhigeren Lebensgewässern, entstand die Idee, aus meinen Erlebnissen ein Buch werden zu lassen. Dazu holte ich den gesicherten eMail-Verkehr wieder hervor und sortierte ihn chronologisch. Dabei merkte ich schnell, dass eine trockene Aneinanderreihung dieser Textbausteine für einen potentiellen Leser nicht reichen konnte, denn es fehlten stellenweise Erklärungen und logische Brücken.
Auch ein vernünftiges Entré in die Geschichte musste her. Also begann ich, die Vorgeschichte zu erzählen. Zunächst entschied ich mich jedoch, allen beteiligten Personen fiktive Namen zu geben. Es schien mir unkomplizierter und ungefährlicher, die wahren Identitäten von den Erzählungen zu lösen. Als Zeitform der Handlungen wählte ich zudem der Einfachheit halber die Gegenwart.

Wochenlang formte ich nun mein erstes Manuskript, das dem exakten, wahren Verlauf der Dinge entsprach. Bei diesem Bearbeiten durchlebte ich die Vergangenheit neu. Immer wieder verfing ich mich auch in philosophischen Betrachtungen, die sich in textlichen Zwischenbemerkungen wie „Jemanden vergessen wollen heißt, an ihn denken“ oder die durchaus passende Weisheit „Manchmal endet die Ewigkeit schneller als man denkt“ und Überschriften wie „Man kann nicht entscheiden, in wen man sich verliebt. Denn Liebe ist keine Entscheidung, Liebe ist ein Gefühl“ niederschlugen. Dieses Werk umfasste am Ende tatsächlich 243 Seiten.

Erster Umschlagsentwurf

Als nächstes sollte mein Projekt einen Namen erhalten. Auch dies sollte sich als schwierig erweisen und nicht an einem Tag entschieden werden können. Letztendlich stützte ich mich in der Findung einerseits auf einen Begriff, der sich damals häufig in unserer elektronischen Korrespondenz fand, nämlich das „Serotonin“, ein menschliches Hormon, dessen Aufgabe die Steuerung oder Beeinflussung der Wahrnehmung, des Schlafs, der Temperaturregulation, der Sensorik, der Schmerzempfindung und -verarbeitung, des Appetits und - für meine Story nicht ganz unwichtig  - natürlich des Sexualverhaltens hat. Andererseits behandelte meine Geschichte ein extremes Auf- und Ab des Lebens, weshalb mir der Begriff „Achterbahn“ gut gefiel. So entstand der Titel „Serotoninachterbahn“ und damit auch die erste eigene Umschlaggestaltung.

Der Rat des Weisen

Für´s Erste war mein Werk vollbracht. Kompakt zusammengefasst sendete ich diese PDF-Datei einem fachkundigen, weil schriftstellernden Freund. Er versprach, mir zukünftig als „Literaturrat“ zur Seite zu stehen. Von seiner Seite war von konstruktiver und ehrlicher Kritik auszugehen... die natürlich auch kam – wobei ich hier nur die wichtigsten Einwände erwähnen möchte.

Der Fachmann fand meine Geschichte aufscheibens- und lesenswert. Der Titel schien allerdings zu sperrig, die von mir gewählten fiktiven Namen nicht abstrakt genug, wiesen ihm auch in den zu knappen Profilen zu viele Paralellen zu tatsächlich Lebenden auf. Die von mir gewählte Gegenwartsform wirkte auf die Dauer langweilig. Größter Kritikpunkt war jedoch, dass es keine Kunst sei, bestehende Mail-Text-Fragmente aneinanderzureihen und das Ergebnis dann Buch zu nennen. Viel besser sei ein erzählender Stil mit eigenen Worten. Auch vor der direkten Übername dieser Textbausteine warnte er mich hinsichtlich des Rechts am eigenen Wort.

Ich will aus Fehlern lernen

Vorausschauend empfahl er mir zur Verlagsfindung einen Besuch der Leipziger Buchmesse.

Ehrlich gesagt empfand ich diese Rezension nicht als niederschmetternd. Als absoluter Neuling in dieser Branche hatte ein Profi mit wertvollen Ratschläge gedient. Da er seine Einwände sehr gut begründete, verspürte ich einen enormen Drang, die neuen Erkenntnisse möglichst schnell in die Tat umzusetzen.

Doch genau diese Umsetzung bereitete mir größere Probleme als gedacht. Da die Inhalte der ursprünglichen Mails natürlich als „wörtliche Rede“ anzusehen waren, wandelte ich sie größtenteils in die „nichtwörtliche Rede“ um. Daraus resultierte aber, dass mein frisch überarbeitetes Manuskript nur so vor Konjunktiven strotzte, was den Text auf Dauer ungelenk und kompliziert machte.
Ziemlich entnervt holte ich mir deshalb Hilfe von meinem „Literaturrat“. Er riet mir, die gesamte Geschichte zur Vermeidung des Konjunktivs in die Zeitform der Vergangenheit zu bringen. Nebenbei bemerkte er schmunzelnd, dass ich mich mit derlei Problemen auf den typischen Pfaden richtiger Autoren befand: „Diese Probleme haben sie alle!“

Urlaub... nicht vom Buch

Die Umbauarbeiten nahmen noch mal ein Jahr in Anspruch. Ich werkelte fast täglich an meinem Text. In unserem Sommerurlaub nutzte ich beispielsweise die fast 26 Stunden anläßlich der Mittelmeerüberfahrt mit der Fähre von Genua nach Sizilien, zur streckenweisen Arbeit am Buch. Ebenso diente unser mehrtägiger Silvesteraufenthalt an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern der konzentrierten Zielverfolgung, nämlich der Vollendung meines literarischen Werkes.


Zweiter Anlauf

Ende Februar 2011 erhielt mein „Literaturrat“ schließlich eine redigierte PDF-Datei meiner „Serotonin-Achterbahn“. Selbst der Titel war jetzt nach seinem Vorschlag in der Mitte durch einen Bindestrich getrennt. Die neue Version gefiel ihm auf Anhieb besser. Wenngleich auch sie noch Anlaß zu Diskussion bot, sollte ich ein Exposé fertigen und so meinen Roman ausgewählten Verlagen vorstellen. Doch wie schreibt man ein gutes Exposé? Was ist das eigentlich? 

Philosophische Betrachtungen

Ich erhielt eine Erstellungs-Anleitung. Das Exposé muss dem potentiellen Lektor eine kurze, treffende und Interesse weckende Inhaltsangabe bieten, das Profil der einzelnen Akteure dargestellt und die Handlung umrissen werden. Außerdem sollte erkennbar sein, was mich bewogen hatte, diese Geschichte zu schreiben. Schließlich gehört auch ein kurzer Lebenslauf des Autors dazu. Mit kreativer Hilfe meines „Literaturrates“ stand das Exposé zu „Serotonin-Achterbahn“ nach ein paar Korrekturen.

Der erste Verlag

Mit einer Empfehlung meines „Literaturrates“ überbrachte ich also mein erstes Exposé persönlich an einen Verlag ganz in der Nähe. Der Verleger selbst nahm es in Empfang, las und entschied direkt, das ganze Manuskript lesen zu wollen. Wenige Tage später legte ich ihm also augedruckte 252 DIN-A4 Seiten auf den Tisch. Sehr blauäugig ging ich nun davon aus, dass die Bearbeitung vielleicht ein paar Wochen in Anspruch nehmen würde. Doch mit „bis zur Leipziger Buchmesse in vier Wochen“ hatte ich eben ziemlich ahnungslos einen außergewöhnlich engen Rahmen gesteckt, den man allerdings trotzdem ausnahmsweise einhalten wollte. Man erklärte mir freundlich, dass ein Lektorrat normalerweise bis zu einem Jahr dauern kann.
Einen Tag vor der Messe erfuhr ich schließlich, dass mein Buch bei diesem Verlag nicht angenommen worden war. Dementsprechend holte ich mein Manuskript also dort wieder ab und fragte natürlich nach dem Grund für die Absage. Man erklärte mir, dass mein Thema nicht zum Verlag passe. In meinem Roman fehle es ihnen an gesellschaftskritischem Fazit, gebe es am Ende zu wenig alternative Lösungsmöglichkeiten, die Geschichte habe einen zu einfachen Verlauf. Allerdings sei meine Art zu Schreiben sehr klar und lebhaft, ohne häufige Wiederholungen und Rechtschreibfehler, man könne das Erzählte gut nachempfinden. Mit diesen Vorzügen würde ich mich deutlich von auch durchaus namhaften Autoren absetzen. Auch die Form meines Manuskripts sei ungewöhnlich vorbildlich.

Meine Literatour nach Leipzig

Die Leipziger Buchmesse

Zwei Tage später machte ich mich – irgendwie nicht wirklich traurig über meine erste Absage - auf den Weg zur Leipziger Buchmesse 2011. Mein „Literaturrat“ wohnt in der Nähe – dort konnte ich also übernachten, mit ihm führte ich noch viele ernsthafte Gespräche bezüglich meines Buchprojekts.

Den Besuch dieser Buchmesse hätte ich mir sparen können. Entgegen „Literaturrats“ Erfahrungen und Empfehlungen gab es bei den Verlagen keine Ansprechpartner für Autoren und Schriftsteller. Ich hatte drei komplett ausgedruckte Buchmanuskripte und fünf Exposés dabei – sie erreichten wieder meine Heimat am Ende der Reise, ohne auch nur je das Licht der Messe erblickt zu haben.

Keiner wollte mit mir über mein Manuskript sprechen

Diese Messe wollte verkaufen, das wurde allerorten nur zu deutlich. Helmuth Karasek gab Autogramme bei Hoffmann und Campe, die Süddeutsche Zeitung gab Messezugaben im üblichen Plastikbeutel mit nur einem Kulli und nur gegen Testabo für vierzehn Tage, selbst an manchen Ständen wurden Bücher direkt an Messebesucher verkauft, man drängte mir eine Gratis-CD mit erotischen Hörproben „Erotik Audio Storys“ auf, zigarettenschachtelgroße erotische Romane als Leseprobe und „Echtes Gold“ eine in fast gleichem Format wie eben die erotischen Romane gehaltene Verbreitung der Heiligen Schrift. Krasse Gegensätze, ohne Frage. Aber so ist halt der Kommerz.

Auch Diogenes... hatte keinen Lektor vor Ort

Bei meinen freundlichen Nachfragen, mit wem ich mich denn mal am Messestand über mein Buchprojekt unterhalten könnte, schlug mir einige Male ziemliche Fassungslosigkeit entgegen. Mein Vorhaben schien absurd. Es fehlte eigentlich nur, dass man mich gefragt hätte, „wie ich denn um Gottes Willen bloß darauf käme, dass man auf der Buchmesse sein neues Buchprojekt an einen Verlag bringen könne“. Man tröstete mich meistens mit einem Infoblättchen mit immer gleichem Inhalt „Bitte haben sie Verständnis dafür, dass wir auf der Buchmesse keine Manuskripte annehmen können“ und der Bitte, die Unterlagen postalisch zu versenden.
Ich fühlte mich schwer veralbert und rief erstmal „Literaturrat“ an. Auch er wähnte mich in einer anderen, ihm unbekannten Welt und konnte mit den von mir beschriebenen Zuständen unter dem Dach dieser Leipzigen Messehallen total irritiert überhaupt nichts anfangen.

Diese Messe sah mich dann nur noch von hinten!

Nach drei Stunden beendete ich den Rundgang in dieser Welt des Buchverkaufs und saß knapp eine dreiviertel Stunde später wieder beim „Literaturrat“ zuhause. Den Rest meines Besuches diskutierten wir ausgiebig über mein Buch.

Der wertvolle Teil der Reise

Dabei fielen noch äußerst wichtige und folgenschwere Entscheidungen. Schon lange war mir aufgefallen, dass mein versierter Freund im Bezug auf meine Story offensichtlich zu sehr am Begriff „Roman“ hing. Oft versuchte er sie durch eine mögliche Einbringung fiktiver Beschreibungen aufzupeppen. Fand Erzählungen zu kitschig oder Vorgänge zu sehr in den Vordergrung gehoben, Beschreibungen zu akribisch.

Freundschaft zum "Literaturrat"

Für mich wurde es jetzt Zeit, darüber nachzudenken, ob meine Geschichte überhaupt in das Genre „Roman“ gehört. Eine Vermischung von Realität und Fiktion lag nämlich nie in meinem Interesse. Ich will MEINE Geschichte erzählen und bei der Wahrheit bleiben. Auch, wenn sie vielleicht kitschig ist oder ich in bestimmten Momenten zu viel Wert auf Kleinigkeiten lege. Nur zur Unterhaltung möchte ich keine Handlung erfinden, weigere mich, dem Leser zwanghaft gefallen zu müssen. Und ich kann das nachträglich geschriebene Drehbuch meines Lebens nicht ändern. Andererseits kann ich mit einer Änderung dieses Drehbuches mein Leben nicht ändern.
In diesem Moment wurde mir klar, dass ich an meiner Biografie schreibe. Mein „Literaturrat“ schien etwas hilf- und ratlos. Offenbar gibt es zum Schreiben eines Buches kein Patentrezept. Der Werdegang eines Buches ist kein statischer Vorgang – ein Buch entwickelt sich... jedenfalls meins.

Die Messe hat doch etwas gebracht:
den neuen Leitspruch für mein Buch-Projekt 

Erneuter Anlauf

Wieder zuhause arbeitete ich die neuen Erkenntnisse in mein Manuskript ein. Aus der fiktiven Hauptperson wurde wieder „ich“. Natürlich feilte ich auch noch an einigen Feinheiten.

Drei Wochen nach Leipzig war mein Roman zur Biografie umgestrickt und die ebenfalls darauf abgestimmten Exposés postalisch unterwegs zu zehn namhaften Verlagen.

Ich werde berichten, ob meine Berwerbungstour Erfolg hat oder nicht. So viel kann ich aber schon verraten – sollten die Verlage ablehnen, habe ich schon Plan "B" in der Hinterhand!

Es bleibt spannend!

Keine Kommentare:

Kommentar posten