Donnerstag, 18. November 2010

Geschichte eines Bullitypen - Teil 2

Endlich wieder Bulli fahren – T3 zu mir!


1989: Der Öltanker “Exxon Valdez” lief vor Alaska auf ein Riff und verlor 40000 Tonnen Öl, die erste Loveparade fand in Berlin statt. Die Bürger der DDR fingen bei Montagsdemonstrationen in Leipzig kollektiv an, um ihre Freiheit zu kämpfen, was letztlich noch im gleichen Jahr zum Fall der Mauer und der Wiedervereinigung führte, Tom und Bill Kaulitz wurden in Leipzig geboren, der deutsche Privatsender ProSieben begann den Sendebetrieb, der spanische Maler, Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner Salvador Dalí, eigentlich Salvador Felipe Jacinto Dalí i Domènech, Marqués de Púbol, starb am 23. Januar in Katalonien mit 85 Jahren.



Der Fiat Tipo war Auto des Jahres 1989, Audi arbeitete an seiner Oberklasse, dem absoluten Spitzenmodell Audi 200 Quattro 20 V, das durch einen Turbo-Fünfzylinder-Motoren angetriebene „Geschoss“ mit 220 PS erreichte eine Geschwindigkeit von über 240 km/h. Anlässlich des 80. Geburtstages seines Gründers Ferdinand (Ferry) Porsche bot der Sportwagenhersteller den legendären 911 Carrera mit manueller oder automatischer Schaltmöglichkeit, der Tiptronic, an. Auf der IAA in Frankfurt stellte Opel seinen neue Calibra vor. Eher solide zeigte sich dagegen der Vectra – der sich allerdings mit einem cW-Wert von 0,29 wirklich sehen lassen konnte. Bei Nissan feierte der neue Sportwagen 300 ZX mit über 280 PS und einem super sportlichen Aussehen Premiere.


Ich studierte mittlerweile im sechsten Semester leider erfolglos Sozialpädagogik im nahen Vechta, jobbte bis zu wöchentlich vier Mal als DJ in einer Discothek, war seit einem Jahr verheiratet und wurde im Dezember Vater meines ersten Kindes, einem kleinen blonden Mädchen namens Sandra.


Wurde eben noch die altersgemäße Eigenständigkeit durch sicherlich gut gemeinte elterliche Reglementierungen eingeschränkt, stand jetzt der krasse Gegensatz auf dem Programm: eine eigene Familie verpflichtete zum vollen Einsatz. Zur Wahrung der eigenen Mobilität benötigten wir Plattland-Bewohner ein eigenes Auto. Wie gut, dass man aus acht Jahren T2-Erfahrung schöpfen konnte. Auch wenn das damals geliebte rot-silberne Schmuckkästchen nicht mehr „zur Familie“ gehörte – andere Mütter hatten auch hübsche Töchter. Und warum nicht ein weiteres Mal versuchen, was schon einmal geklappt hatte? Für ein neues Fahrzeug fehlten die nötigen finanziellen Mittel, also wurde auf das bereits bewährte System zurückgegriffen: aus ALT mach’ NEU.


Ein VW-Händler im südoldenburgischen Nachbarstädtchen versteckte sein kaum noch verkaufbares Gelumpe gern hinter der Halle seiner Werkstatt. Um ihm beim Säubern dieses Schandflecks ein wenig unter die Arme zu greifen, stellte ich mich grinsend vor den mit Neuwagenprospekten beladenen Verkaufstresen und erwartete eine Antwort auf die an den lustlos heranschlendernden Autoverkäufer gestellte Frage „… was soll der denn kosten?“ und deutete mit dem Daumen über die Schulter auf den weißen VW-T3 Transporter mit Rundumverlasung, der matt durch das Riffelglas der Hallenfenster zu erkennen war. Der rotgesichtige Fettie mit schmierigem Schlipps und Anzug musterte mich kurz durch seine zu schmalen Schlitzen zusammengekniffenen Schweineäuglein und warf mir dann einfach nur „Zweifünf“ zu. Ohne seinen schier endlosen Redeschwall unterbrechen zu wollen, tat ich gleich meinen pauschalen Zweifel an der wahrscheinlich einwandfreien Laufkultur des Motors kund. Fettie schnaubte hörbar, griff sich einen Fahrzeugschlüssel und bat mich grunzend, ihm zum Fahrzeug zu folgen. Das wollte ich ja bloß! Am Transporter angekommen, konnte ich erste Blicke auf den allgemeinen Zustand werfen. Beulen hier, Schrammen da, die Ladefläche glich einer wenigstens geleerten Mülltonne. Automobile Eckdaten wie Motorisierung und Kilometerleistung bekam ich wieder in bekannt knapper Form mitgeteilt: „50 PS, Kilometerstand steht doch auf’m Tacho“. So langsam ging mir der Typ auch auf den Tacho. Ich zog die Augenbrauen hoch und verfiel in augenblickliches Schweigen. Und siehe da: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Dieser spontane Einfall zahlte sich in barer Münze aus. „Okay, Zweieins, dann nimmst du ihn aber gleich mit?“ Welche Frage… noch am selben Abend fuhr ich wieder VW-Bus.

Der Neue Alte – diesmal ein T3 Baujahr 1981
Schon auf dem Heimweg überkam mich wieder jenes unglaubliche aber altbekannte Gefühl. Dieser umbaute Raum auf Rädern, befeuert von fünfzig luftgekühlten Pferden aus 1,6 Litern Hubraum sollte also zukünftig das automobile Zuhause meiner kleinen Familie sein. Schon jetzt bildete ich mir ein, die vielen Kilometer spüren zu können, die wir in Urlaubszeiten demnächst zurücklegen würden, oder ich roch schon die auf unserem kleinen Propangasbrenner erwärmten Ravioli, die wir dann gemütlich nach dem Baden im Auto essen würden, mit Blick auf einen zauberhaften Sonnenuntergang am Meer.

Endlich wieder einen Bulli im Haus!
Doch vor diese Genüsse hatte der Herrgott mal wieder den Schweiss gesetzt. Ich nahm mir vor, das Fahrzeug erstmal auf Familienkurs zu bringen. Dazu bedurfte es vor Allem einer ausgiebigen Reinigung. Zur Schalldämmung wurde das komplette Fahrzeug innen mit einem hellgrauen Teppich beklebt, was selbst diesem bekanntermaßen lauten Luftboxer angenehm leise Tönen beibrachte. Vor die Fenster kamen schwarze Gardinen. Außerdem entwickelte ich eine Sitzbank mit drei Beckengurten, eher eine stabile Sitzkiste mit anschraubbaren Rückenlehnen. Einerseits gedacht, um in der Kiste das übliche Gerödel unterzubringen, im Urlaub wären aber auch Platz für alle möglichen Untensilien gewesen, die Familie halt so braucht… Windeln, Klamotten, Babynahrung etc. Zum Anderen dienten die Rückenlehnen zur Schaffung einer funktionsfähigen, ebenen Liegefläche für einen Zweimeterundfünf-Riesen wie mich. Auch an einen Kühlschrank dachte ich, sogar ein kleines Waschbecken mit Duschschlauch, Duschen konnte man natürlich nur draußen, und selbst ein 30-Liter-Frischwasserkanister fand Platz. Hinten, über dem Motorraum, quer unter das Dach, baute ich eine Art Hängeschrank. Der Boden erhielt eine dicke MDF-Platte mit strapazierfähiger Kunststoffbeschichtung.


DAS hatte kein anderer Transporter… meine Spezialleuchten
Die rostigen Stellen der Außenhaut des Busses schliff ich blank und pinselte sie weiß. Derzeit präsentierte VW gerade den Multivan Blue Star. Ihn zierte ein Grill mit rechteckigen Doppelscheinwerfern. Dieser stand auch meinem Bus außerordentlich gut zu Gesicht. Später ergänzte ich diesen Look sogar mit dem kleinen, dezenten Kunststoffspoiler unter der Frontstoßstange. Ein Sonnenschiebedach war sowieso obligatorisch. Als auffälliges Extra für das Heck besorgte ich mir vom Schrott zwei weitere Rückleuchten, die ich mithilfe eines heißen Lötkolbens bearbeitete. Am Ende bestand „meine Spezialrückleuchte“ eigentlich aus jeweils zwei aneinander geschweissten Original-Rückleuchten. Dieses breite Rückleuchtenband gab meinem Bus ein exklusives Aussehen und ich sah keinen anderen Bus mit solchen Rückleuchten. Später bekam diese Konstruktion sogar noch kleine, natürlich funktionierende, Sofitenleuchten, die nichtmal der TÜV monierte.



Wer gut pflegt, der gut fährt… auch im Urlaub
Der Bus im Hafen von Messina
Im Sommer 1989 wurde ich von italienischen Stammgästen der Discothek, in der ich regelmäßig als DJ auflegte, zum Urlaub eingeladen. Da ich festgestellt hatte, dass diese Italiener fleißiger tanzten als die Einheimischen, lief in meiner Disco logischerweise häufig italienische Musik – zur Freude der Italiener. Diese Freude machte sich nun durch eine Einladung, die ich aus einer spontanen Laune heraus ohne Nachdenken annahm, bezahlt. Erst hinterher erkundigte ich Italienkundiger mich nach ihrem Ort, wohin die freundlichen Amici mich eingeladen hatten. Ich bekam freudestrahlend „Menfi“ zu hören und musste zunächst an Memphis in Amerika denken. Bis man mich dann aufgeklärt hatte und ich begriff, dass ich demnächst nach Sizilien unterwegs sein sollte. Beim Blick auf die Landkarte wurde mir mulmig. Die Strecke addierte sich zu gut 2500 Kilometern – eine Strecke!. Der Bus hatte eine maximale Reise- und Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h…




Mit dem Bulli in die Kirche? Makaber, aber vor 40 Jahren hat ein heftiges Erdbeben diese Kirche zerstört

Hochburg der Mafia? Mit dem VW-Bus in Palermo
Doch die erste Begegnung mit Sizilien sollte ein absolut genialer Urlaub werden. Diese Insel mit ihren Menschen hat sich seitdem tief in mir verankert, hat sich zu einer „everlasting Love“ entwickelt. Und der VW-Bus hat das alles klaglos mitgemacht. Ich erinnere mich gern an eine lustige, leider nicht im Bild festgehaltene Geschichte, die mir nach dem Anblick der auf Sizilien wild am Straßenrand wachsenden Zwergpalmen passierte. Mir kam in den Sinn, eine dieser kleinen Pflänzchen als Andenken mitzunehmen. Schließlich gedeiht so etwas ja auch auf dem heimischen Fensterbrett. Also nahm ich meinen Klappspaten aus dem Auto und sah schon den sehr steinigen Boden um die Wurzeln meines Opfers. Also holte ich aus und ließ den Spaten in den Boden knallen… den dieser um nicht einen Zentimeter hereinließ. Auch ein fahriges Graben mit den bloßen Händen war absolut aussichtslos. Als ich nun überlegte, wie ich diesem kleinen pflanzlichen Biest nun zu Leibe rücken könnte, fiel mein Blick auf mein bestes Teil: meinen Bus! Entschieden holte ich mein Abschleppseil und wrang es um den widerspenstigen Pflanzenzwerg und um Bulli’s Anhängerkupplung. Nun wollte ich die kleine Palme ja nicht gleich killen – mein Auto stand etwas abschüssig, ich startete den Motor daher erstmal nicht, trat nur die Kupplung und wollte nur die Hangabtriebskraft zum Herausrupfen des Pflänzchens nutzen. Mit einem dumpfen aber deutlichen „Sproiiiing“ spannte sich das Seil… und die 1600 Kilo des Wagens hingen am immernoch fest im Boden verankerten Grün. Mit einem grantigen „das gibt’s doch nicht“ ließ ich den Motor an, setzte etwas zurück und wiederholte den Vorgang, dieses Mal halt mit sanfter Motorunterstützung: NICHTS! Nnnngggghhhhrrrrrrr…. und nochmal entschlossen zurück – jetzt aber mit Karacho, der Motor heulte auf… „FUMP“… eine Millisekunde Ruhe, dann prasselten Dreck und Steine über das Dach meines Autos… tumb baumelte plötzlich das Abschleppseil VOR der Windschutzscheibe. Als ich ausstieg um zu sehen, was geschehen war, musste ich laut lachen. Die kleine Palme hatte sich kurz entschlossen ihrer Wurzeln entledigt und war per Raketenstart dem Seil folgend von hinten über das Auto bis einige Meter davor geflogen. Es gibt bis heute keine einzige dieser Palmen auf meinen Fensterbänken.



Ganzlackierung eines VW-Busses... eine Schweinearbeit!
Ein Jahr später bot mir Lackiererfreund Ralf dreißig Liter „Volvo-Graphitmetallic“ an – GRATIS! – er arbeitete in einer Firma, die im großen Stil Spoiler für Volvo lackierte.


Überlagerte Ware wurde dort an die Mitarbeiter verschenkt oder entsorgt, was aber natürlich die teurere Variante gewesen wäre.


Erfreut nahm ich das Angebot an, was zudem von ihm auch noch in Richtung Ganzlackierung für den Bus erweitert wurde.


Schick in Schale… oder besser:
VW Bus in “graphitmetallic” von Volvo
Einige Wochen später wurde das Fahrzeug also gestrippt, aufwändig entrostet, gesandstrahlt und in „Volvo-Graphitmetallic“ gehüllt. Nach der fertiggestellten Lackierung erstand ich noch einen Satz „ATIWE“-Felgen, damals die einzigen Alus für den VW T3. Außerdem stattete ich das Fahrzeug hinten mit Schiebescheiben und getönter Verglasung aus. Jetzt besaßen wir einen Luxusbus.


Wenn wir “Pritsche” fahren wollen… dann Vespa Ape
El Gigante mit dem Bus auf Sizilien
Schicke Location, Bus am Set in Porto Palo bei Menfi/Sizilien
Auch auf Sizilien: es findet sich überall eine Stelle zum Schlafen
Lass’ qualmen, Etna! Bus und Tochter vor Vulkan
Im folgenden Jahr besuchten wir Sizilien zu Ostern. Auch dieser Urlaub gefiel durch die Anwesenheit des Busses – schliefen und wohnten wir doch darin. Ein weiterer Urlaub sollte uns auf einen Campingplatz an den Gardasee führen. Auch hier leistete der T3 beste Dienste.



Leider hatte unser T3 jedoch einen kleinen Nachteil: er nippte nicht am Benzin, wie damals der T2, er genehmigte sich fast das Doppelte, nämlich bis zu 14 Liter. Für unsere Urlaube im fernen Sizilien hätten wir es gern etwas schneller und etwas verbrauchsgünstiger gehabt. Außerdem liebäugelte ich mit einer Klimaanlage, die es aber für einen 50 PS-Luftboxer logischerweise nicht geben konnte.


Bus-Camping mit Klein-Zanny
Ein Bild von einem VW-T3, oder?
Mittlerweile lief meine Selbstständigkeit als Discjockey sehr gut, auch der vorübergehende Job als Fahrer einer Bremer Spedition ließ Bares sprudeln. So ließ ich im Dezember 1991 den Verkäufer eines Autohauses zu uns nach Hause kommen und bestellte einen nagelneuen VW T4 Caravelle GL. Als ich den darüber freudig erregten Verkäufer fragte, welche Vergünstigungen er mir im Falle einer Barzahlung machen könnte, verfinsterte sich jedoch seine gute Laune schlagartig. Finanziell entgegenkommen könne er mir nicht, behauptete er. Eher fragte er mich erwartungsvoll ängstlich, was ich denn mit meinem T3 machen wollte. Ich grinste nur und bot ihm das Fahrzeug an.

Damit hatte er auch gerechnet – nicht aber mit dem Preis: 10.000,- DM wollte ich dafür verrechnet haben… und konnte ihm auch nicht weiter entgegenkommen. Ich ließ ihm eine Woche Bedenkzeit. Es gab für ihn nur eine Antwort… und die war klar: „Okay, das machen wir!“ Ein paar Tage später rief er dann an und bot zähneknirschend 9250,- DM. Ich sagte zu, erklärte ihm aber gleichzeitig, dass dann meine ATIWE-Alu-Felgen durch Stahlfelgen ausgetauscht würden – womit er sich einverstanden erklärte. Der Deal war perfekt. Für diese Felgen bekam ich übrigens später 800,- DM.


Am 1. April 1992 nahmen wir unseren Caravelle GL im VW-Werk Hannover in Empfang… mehr darüber… hier!

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