Mittwoch, 6. Oktober 2010

Bonsai-Audi

Liebeserklärung an (m)ein automobiles Aschenputtel

... den hab' ich gern gefahren! Nach zehn Jahren und
370.000 Kilometern schickte ich ihn
in den Ruhestand - AUDI 80 (B4)
August 2003. Ich hatte beschlossen, dass meine Zeit im Außendienst ein für alle Mal zu Ende war. Dementsprechend wurde es für meinen betagten Audi 80 (B4) nach nunmehr zehn Jahren und 370.000 Kilometern auf der Uhr, Zeit für den wohlverdienten Ruhestand. Meine kurz zuvor beendete Ausbildung zum Internetentwickler und die nun anstehende Selbstständigkeit ließen mich über ein kleineres Fahrzeug nachdenken. Meistens war ich eh allein im Auto unterwegs, also änderten sich die Anforderungen an einen Wagen.


Gewöhnungsbedürftig aber einen Gedanken wert...
aus Gedanken kann mehr werden... und es wurde mehr
Eines Tages schlenderte ich also beim Händler meines Vertrauens um einen Audi A3 herum. Doch trotz Sitzprobe und wohlwollender Fahrzeugbegutachtung konnte ich daran irgendwie nicht richtig Gefallen finden. Ich musste wohl auch ziemlich unzufrieden ausgeschaut haben, was den geschulten Augen des netten älteren Autoverkäufers nicht entgangen war. Nachdem ich ihm mein Problem erklärt hatte, fragte er mich nach meinem möglichen Interesse an einem Audi A2. Da ich grundsätzlich für Innovationen offen bin, wollte ich mich seinem Angebot nicht von vornherein widersetzen, auch wenn ich selbst noch vor wenigen Wochen darüber hergezogen war, dass dieses außergewöhnlich geformte Ei-Auto ja angeblich nicht mal über eine Motorhaube verfügt.

Foto der "ersten Begegnung"
Vier Jahre nach Produktionsbeginn war Audis Alles-anders-Auto einerseits sehr begehrt und daher rar. Andererseits war allerorten zu erfahren, dass der Preis für diesen skurrilen Mini-Van wohl deutlich überzogen war. Immerhin kostete die unausgestattete Grundversion knapp 34.000,- DM. Großzügig ausgestattet waren aber auch mal eben fast 47.000,- DM und mehr fällig. Wer sich also dieses Werk innovativen Aluminium-Automobilbaues kommod eingerichtet beim süddeutschen Hersteller mit den vier Ringen bestellte, der wollte exklusiv aber sparsam Auto fahren, legte Wert auf den Vorsprung durch Technik bei bester Verarbeitung, konzerntypischer Langlebigkeit und einer in der Klasse der kleinen Fahrzeuge unüblich hochwertigen Ausstattung wirklich edlen Stils. Halt ein Prestigeobjekt.
Ledersitze in Perlnappa rot - von mir nur rotes
Elefantenpenishautleder genannt :-)
Eines dieser Fahrzeuge stand also nun demnächst gebraucht zum Verkauf. Als Dienst am Kunden sorgte mein Händler für Absatz des Zweijährigen – wenige Tage später stand ich gemeinsam mit meinem damals elfjährigen Sohn Lukas vor dem ebonyschwarz-perleffekt-farbenen pausbäckigen Alu-Zwerg. Nachdem wir dem Besitzer, einem Tierarzt, versprochen hatten, das wirklich ausgiebig zu tun, starteten wir unsere Probefahrt.




Darum nennt man den A2 auch Mini-Van...
Beim Einsteigen bemerkte Lukas den unverkennbaren Geruch der roten Perlnappa-Lederausstattung und meinte mit Hinweis auf den Beruf des Besitzers, dass es hier ja irgendwie wohl nach Elefant rieche. Sobald die Türen ins Schloss fielen, umgab uns ein angenehmes Raumgefühl mit gutem Blick rundherum. Dieser provokant gestylte Raum-Mini kam mir innen viel größer vor, als es von außen den Anschein machte. Die Qualität der verbauten Materialien hinterließen nicht nur auf den ersten Blick einen hervorragenden Eindruck. Besonders meine Position auf dem Fahrersitz bereitete, trotz der unterzubringenden 2 Meter 5 und dank der weit nach hinten und auch in der Höhe verstellbaren Vordersitze, keine nennenswerten Probleme. Auch Lukas hatte hinten keine Enge zu beklagen, freute sich dank des konstruktiv nach unten versenkten Fußraums über ein speziell in diesem Bereich, aber auch sonst, luxuriöses Platzangebot.
Das gibt der Tierarzt seiner Familie - Armaturen des A2
Mein Blick schweifte inzwischen über das sehr übersichtliche Armaturenbrett mit auditypisch roter Beleuchtung, die Mittelkonsole mit einer Vielzahl von Schaltern und Knöpfen, teils für die Climatronic, teils für das edle Audi Chorus. Der Dreh am Schlüssel weckte die kernige 75-PS-3-Zylinder-Dampfmaschine, die jedoch entgegen meiner Vermutungen alles andere als nervig klang. In höheren Drehzahlen lief sie sogar auffallend sanft, erinnerte zuweilen sogar an einen Sechszylinder. Besonders der enorme Schub, den das leichtfüßige Triebwerk bereits im Drehzahlkeller entwickelte, gefiel mir außerordentlich. Die Straßenlage erinnerte mich an ein Kart, auditypisch knackig, total direkt und auffällig wendig. Das Fahrzeug verfügte außerdem über einen Drehzahlmesser und das Fahrerinformationssystem, also einen Bordcomputer. Auf dem Wegstreckenzähler standen etwas über 55.000 Kilometer, die Verbrauchsanzeige pendelte beim Fahren je nach Beschleunigung zwischen drei und viereinhalb Litern pro 100 Kilometer.
Mein A2 macht mich nicht nur mobil
sondern auch dynamisch
Als wir auf der Bundesstraße unterwegs waren, entdeckte ich obendrein noch ein Bose Soundsystem, was uns bis zum Ende der Probefahrt durch einen bombastischen Klang fesselte. Schließlich fand ich im Kofferraum sogar noch einen 6-fach-CD-Wechsler. Als ich zum Schluss dem Besitzer den Schlüssel wieder in die Hand fallen ließ, war ziemlich klar, dass ich dieses Fahrzeug möglichst bald auf meinen Namen zulassen wollte.





Hässlicher Würfel? Nein! Musik in meinen Augen!
Schnitt: In den vergangenen sieben Jahren hat nun mein Audi A2 weitere klaglose 100.000 Kilomter abgespult. Dabei hat er nachweislich nur drei Mal anlässlich der üblichen Öl- und Zahnriemenwechsel Werkstätten von innen gesehen. Diesel-Verbräuche von minimalen 3,6 Litern auf 100 Kilometern zwingen mich auf Langstrecken normalerweise erst nach fast 900 Kilometern wieder zum Auffüllen des 34-Litertanks, was mich dann gut vierzig Euro kostet. Bei 119 g Kohlendioxyd pro Kilometer muss ich zudem kein schlechtes Gewissen der Umwelt gegenüber hegen. Überschlägig kann ich jedenfalls resümieren, dass ich während meines dreißigjährigen Autofahrerlebens kein besseres Fahrzeug als diesen Premium-Mini besessen und gefahren habe.
... woher der Wind auch weht... cW-Wert von links und rechts
Durch sein Äußeres polarisiert der A2 allerdings total, wobei ich denke, dass dieses Auto seiner Zeit leider ein Stück zu weit voraus war und deswegen von den meisten Menschen insbesondere von seinen Kritikern komplett missverstanden wurde und wird. Eigentlich wusste die Welt doch schon lange vor dem Millenium-Wechsel um die Probleme der automobilen Zukunft. Die Erfinder des Audi A2 haben sich der verantwortungsvollen Aufgabe dieser Problemlösung gestellt und daraus ein durch und durch konsequentes Fahrzeug entwickelt. Die geniale (aber eben umstrittene) Tropfenform aus dem Windkanal (das weltweit erste Serienfahrzeug mit einem cW-Wert von 0,25), die innovative Audi-Space-Frame-Bauweise sowie die sensationell sparsamen TDI-Motoren und das hochwertige Ambiente sprechen ganz deutlich die Sprache der Zukunft.
... wir Zwei fahren irgendwo hin... (Peter Rubin 1973)
Es ist allgemein bekannt, dass die Masse der modernen Menschen Neuerungen nicht zwingend aufgeschlossen und gern begegnet. Getreu dem Motto „Wat de Buer nich kennt, dat fret he nich“ (niederdeutsch für: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“) können sich die kaufaktiven Zielgruppen in diesem Fall beim Automobildesign nicht vom altmodischen Konzept der Pontonkarosserie, vorne mit langer Motorhaube und einem „Hintern“ am Ende, trennen. Betrachtet man zudem den sich parallel zum A2 entwickelten (besser: aus Großkotz-USA herübergeschwappten) Boom und Trend der SUVs wie z.B. Mercedes ML, G, GLK, R, Audi Q5 und Q7, BMW X1, X3, X5 und X6, dann merkt man sehr deutlich, dass die Menschheit immer noch nichts begriffen hat (oder mit angstvoll verschlossenen Augen um Gottes Willen auch lieber nichts begreifen will!) und weder reif für Autos wie Audi A2 oder 3-Liter-Lupo von VW war, noch wahrscheinlich auch lange nicht sein wird. Ziel des Konsumenten sind nach wie vor großvolumige, imageträchtige und die eigene Persönlichkeit pushende Giganten auf überbreiten Gummisohlen, die jeden Tankwart zum besten Freund werden lassen und deren großzügige Auspuffrohre eher Kohleflözen mit entsprechendem Auswurf gleichen.
Szenebild aus dem Film "I Robot" mit Will Smith...
und AUDI A2 links im Hintergrund
Ich aber lebe und fahre mit meinem knuffigen 3-Zylinder-Kugelblitz schon in der Zukunft, fast wie die Menschen und Maschinen im Kinofilm „I Robot“ mit Will Smith.Wer den Film kennt, weiß, welche Autos mich da so science-fiction-mäßig begeistern.

Hier ein paar Szenenbilder…







Szenebild aus dem Film "I Robot" mit Will Smith.
Product placement par excellence.
…und, wo wir schon bei Medienauftritten sind: hier ein Commercial-Video von Audi, das ich persönlich sehr gelungen, um nicht zu sagen künstlerisch wertvoll finde: Audi A2








Foto vom Set von "I Robot". A2 im Bühnendress.











A2 mal 2. Crazy 4 A2!
Also: mein Fazit und um endgültig für dieses Audi-Windei eine Lanze zu brechen: gerade das Design finde ich ausnehmend. Die außergewöhnliche Form lässt dieses Auto ein edles Kunstobjekt mit praktischem Charakter sein.







A2... meine kleine Freiheit

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