Dienstag, 4. August 2020

Label fraud - Etikettenschwindel

K 70 Fahrer haben Probleme

Natürlich lag eines dieser Probleme mal irgendwann irgendwie auf der Hand. Bereits im Januar 1965 beschäftigten sich NSU-Entwicklungschef Ewald Praxl und Design-Leiter Claus Luthe konstruktiv mit einer Stufenhecklimousine. Zwei Jahre später drehte der Prototyp kurz vor Weihnachten seine erste Proberunde. Und 1969 stand das Fahrzeug dann als K 70 beim Internationalen Automobilsalon in Genf... und wurde im letzten Moment, noch bevor ihn die Öffentlichkeit zu Gesicht bekam, wieder eingestampft. Durch die Verkaufsverhandlungen des NSU-Werkes an VOLKSWAGEN wurde ihm förmlich der Teppich unter den Füßen fortgezogen.

Wir alle wissen, dass der K 70 nach heftigem Rumgezicke (seitens VW) dann ein Jahr später im neuen VW-Werk Salzgitter vom Band lief. Doch einige ewig Gestrige scheinen bis heute immer noch nicht kapieren zu wollen, warum es kein NSU, sondern eben ein VOLKSWAGEN geworden ist.

Wie konnte das passieren?

Sicher hatte NSU eine tolle Historie... und sie haben damals tolle Fahrzeuge gebaut! Ende der 60er Jahre haben die experimentierfreudigen NSU-Ingenieure sich allerdings verspielt, rumgekaspert mit dem Wankelmotor, vollkommen Wankel-verstrahlt das Wesentliche übersehen: wer Autos baut, der muss sie auch verkaufen. Gut und gern  gekauft werden in Deutschland vornehmlich Autos, die auch gut sind. Der NSU Ro80 war gut, seine Motorisierung war allerdings schlichtweg Mist. Aber die sturen Herren Konstrukteure haben immer weiter gespielt... sind immer weiter raus geschwommen... haben immer mehr das Wohlergehen ihres Konzerns aus den Augen verloren... und der Konzern ist untergegangen. Wo ist heute der Wankelmotor? Weg vom Fenster.

Fragte mich schon mehrfach ein Ro80-Fahrer "... das is'n Auto, nech? So einen willste auch, nech?" Meine Antwort lautet immer wieder "NEIN, dieses Modell ist Schuld am Untergang des NSU-Konzerns! Außerdem stört mich, dass ein Ro80 immer so viel Sprit verbraucht..." ... und er blickt mich jedesmal mit großen Augen an. Zu seiner Frau soll er neulich hinterher gesagt haben "... eigentlich hat er ja Recht!" Hintenrum hörte ich neulich sogar, dass ER gern einen K 70 hätte! 



Die K 70-Gemeinde ist heute überschaubar. Immer wieder tauchen "Preziosen" auf, die mit reichlich NSU-Zierrat geschmückt sind. Natürlich kann jeder mit seinem K 70 machen, was er will. Doch manchmal wird der NSU-Wahn deutlich übertrieben.

Auf der Bremen Classic Motorshow 2015 fand ich einen solchen "NSU" K 70. Ich stellte mich bewusst blöd und fragte am Messestand nach, was das denn sei. Der Standbetreuer flötete stolz wie Oskar, "DAS ist der einzige noch übrig gebliebene K 70, der bei NSU in Neckarsulm gebaut worden ist!" Ich bin nun lange genug in Sachen K 70 unterwegs, aber so einen Blödsinn hatte ich von einem vermeintlich Fachwissenden noch nie gehört. Und so setzte ich ihn nun davon in Kenntnis, dass VW damals uneingeschränkt jeden einzelnen NSU-Prototypen und auch die Genfer Messefahrzeuge durch den Schredder hat jagen lassen. JEDEN! Es gibt leider kein einziges Fahrzeug aus der NSU-Zeit mehr.

Zum Beweis des Fakes dürfte der ausgestellte K 70 zudem frühestens von August 1971 sein, denn er trägt schon die für dieses Produktionsdatum typischen "neuen" Stoßstangen (dazu auch nicht original: vorn ohne, hinten mit Gummileiste). Also ist hier in eindrucksvollem Maße Etikettenschwindel betrieben worden. Und überall prangen diese peinlichen NSU-Embleme.

Apropos Aufkleber:
neulich gesehen: bei dem von mir entworfenen Club-Aufkleber wurde das VW-Logo weggeschnitten. Wie krank ist das, bitte?  

Da ist wohl wiedermal ein NSU-Verstrahlter am Werk gewesen. Aber warum? Ich meine... gut, Volkswagen ist noch nie ein Club der Klosterschüler gewesen. Adolf Hitler's "Volksauto" da, KDF (Kraft durch Freude) hier, "Arbeit macht frei" dort, dann kopierte Modelle: Audi 80 versus VW Passat, Audi 50 versus VW Polo, der VW K 70 als Ende der luftgekühlten Heckmotorsackgasse, 1993 hieß das Synonym für billige und oft mangelhafte Bauteile José Ignacio López de Arriortúa, seit 2015 spricht die Welt vom VW-Abgasskandal durch Mogelsoftware... irgendwas ist ja immer.

Ich habe meine ersten Autometer auf einem VW (K 70) zurückgelegt, habe seitdem Abertausende von Kilometern mit Fahrzeugen dieser Marke hinter mir, selbst mein "Dienstfahrzeug" als Fahrlehrer ist ein VW (zur Zeit Sportsvan)... und trotz allen Ärgers, den auch ich schon mit dem einen oder anderen VOLKSWAGEN hatte - nirgendwo gibt es problemlose Mobilität. Schon gar nicht bei den Konzernen mit den weißesten Westen, den vielversprechendsten Werbekampagnen, den vollmundigsten Versprechen, dem geringsten Statussymbol...

Auch ich betrieb am ersten Auto albernen Etikettenschwindel:
weil mir das originale Kunststoffemblem zu schlicht und daher 
zu teuer war, gab es den chromblitzenden Stern gratis vom
Schrottplatz...

... sehr bald wurde ich vernünftiger und heftete 
ein VW-Emblem an die Front des T2b. 
Trotzdem: Individualisierung musste sein - 
das Emblem stammte vom VW K 70
 

Dieser Etikettenschwindel macht also keinen Sinn. Man muss der Realität in die Augen sehen. Nach der Übernahme durch VW ist damals noch viel Geld und Arbeit vonnöten gewesen, um aus dem K 70 einen richtigen VW zu machen. Letztendlich hat NSU in Neckarsulm lediglich 23, VOLKSWAGEN in Salzgitter jedoch 207.982 K 70 gebaut. Obendrein muss man honorieren, dass der K 70 für VW der Beginn einer neuen Epoche war, denn man suchte Ende der 60er Jahre verzweifelt nach einem vernünftigen Zukunftskonzept. Der K 70 brachte die Rettung durch Frontantrieb und Wasserkühlung. Wer weiß, was heute VOLKSWAGEN ohne den K 70 wäre. Vielleicht hätte die Wolfsburger irgendwann das gleiche Schicksal wie NSU ereilt.

Fazit: erfunden wurde der K 70 bei NSU, gebaut hat ihn jedoch VOLKSWAGEN - da beisst die Maus keinen Faden ab.

Metapher: nur weil die amerikanischen Brüder Wilbur und Orville Wright als erste Menschen ein Flugzeug gebaut haben, mit dem zudem am 17. Dezember 1903 ein erfolgreicher, andauernder, gesteuerter Motorflug möglich war, klebt der seit 2019 größte Flugzeughersteller der Welt, "AIRBUS", noch lange nicht das Firmenemblem "GEBRÜDER WRIGHT" an seine Maschinen.

Die Welt dreht sich eben weiter:
die GEBRÜDER WRIGHT waren damals, heute ist AIRBUS.
Damals war NSU, heute ist VOLKSWAGEN.

Und gerade deshalb gehört die Geschichte des K 70 zu VW. Umetikettieren ändert daran nichts!

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