Montag, 25. August 2014

Erst nach Menfi, dann auf's Dach Siziliens

Unser REDSTAR auf Bewährungstour: Teil 2

Bedauerlicherweise greift seit zwanzig Jahren besonders in Strandnähe die Tourismus-Krake um sich. In Porto Palo und Lido Fiori ist inzwischen kaum noch etwas von der gemütlichen Urtümlichkeit Siziliens geblieben. An den entlegendsten Stellen sind unpersönliche, sterile Hotelanlagen im Resorts-Stil aus dem steinigen Boden gestampft worden. Strandliegen für 2,- EUR die Stunde, gebührenpflichtige Parkplätze zu gesalzenen Preisen, Strandgedöns-Stände, ständig dröhnende Musik der Strandbars und -paninotecas hängt bis tief in die Nacht in der Luft, im Fünf-Minuten-Takt steigen kleine Propellerflugzeuge und Ultraleichtfleiger von einem nahen Airfield zu Rundflügen über dem Strand auf und auch zu Wasser röhren Jet-Skies und Speed-Boote.


Bandiera Blu (EU-Auszeichnung für sauberen Strand und sauberes Wasser) am Strand von Maria Stella Mare


Für die Zukunft plant man bereits einen Hafen für Sportboote. Schon jetzt ist es vorbei mit Ruhe und Beschaulichkeit, die ich vor fünfundzwanzig Jahren hier zu schätzen gelernt habe. Die rücksichtslose Gier nach Geld schwappt auch hier wie ein gewaltiger Tsunami über das Land und seine Menschen.

Aber natürlich ist das ein anderes Thema... wir haben Urlaub und wollen uns jetzt und hier nicht mit solchen Problemen auseinandersetzen.
Hier wohnt es sich fein!
Unser diesjähriges Urlaubsdomizil ist für sechs Personen ausgelegt - eigentlich hatten wir ja meinen Freund und Lackiererspezialisten Ralf zum Dank für die umfassende Unterstützung bei der Restaurierung des REDSTAR zu diesem Urlaub eingeladen. Diverse Gründe ließen ihn jedoch (wie eigentlich leider meistens) Anderes planen. Die Buchung der Ferienwohnung konnten wir daher nicht mehr ändern. 
So fahren wir nun mit unseren Bullis durch ein herrschaftliches Tor auf ein großzügiges und mit Palmen und Olivenbäumen bewachsenes Grundstück. Das Häuschen mit seiner großen Terasse macht einen vornehmen Eindruck. Seine drei Schlafzimmer und die geräumige Wohnküche sowie das Bad bestätigen diese Empfindung. Draußen gibt es ein weiteres kleines Häuschen mit Dusche und Toilette. Von hier aus sind es keine zweihundert Meter bis zum Strand. Was will man mehr.
Großzügiges Anwesen mit Palmen- und Olivenbaumbestand

Sonnenschutz-Eigenbau
Lido Fiori aus der Luft (Quadrocopter-Aufnahme)
Immer wieder ein herrlicher Anblick
Die erste Kontaktaufnahme mit dem Meer verläuft anders als gewohnt und erwartet. Das Wasser ist verdammt kalt. Die Einheimischen berichten, dass Wind, Kälte und fehlender Sonnenschein bisher den Sommer verhindert hätten. Daher konnte sich das Wasser nicht erwärmen. Ein derartiges Wetterverhalten ist für Sizilien Anfang August eher ungewöhnlich, soetwas habe ich in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren auch noch nicht erlebt.

Allerdings kehrt bis zum Ende unserer ersten Urlaubswoche diesbezüglich glücklicherweise wieder Normalität ein... da müssen erst wir Deutschen nach Sizilien kommen, damit es hier vernünftiges Wetter wird!

Menfi's Shoppingmeile bei Tag
In den kommenden Tagen müssen wir uns erst wieder an den italienischen Way of Life gewöhnen. Angepasst an die Temperaturen bis zu 35°C ist man hier morgens und abends, bis spät in die Nacht, aktiv. Das ganze öffentliche Leben, Behörden, Geschäfte und Supermercatos, Banken, sogar Ristorantes, Paninnotecas, Pizzerien oder Bars stellen sich darauf ein - sie gehen in den Standby-Modus. Über die Mittagszeit, ab etwa 11.00 bis 16.00 Uhr geht man der größten Hitze besser aus dem Weg. Am Strand ist zu dieser Zeit eine "Bronzatura", also ein Sonnenbrand, vorprogrammiert. Nur Urlauber legen sich jetzt in den brütend heissen Sand.
Nachts vor der Eisdiele
Doch am Abend erwacht das Leben - zum Ausgleich auch gern mit doppelter Kraft. Die tagsüber wie ausgestorben wirkenden Straßen füllen sich mit allen denkbaren Verkehrsmitteln, die Menschen sitzen mit Stühlen auf dem Bürgersteig oder direkt auf der Straße vor ihren Behausungen. Die Bars und Ristorantes sind voll mit lachenden und laut diskutierenden Menschen. Einkaufen kann man überall "bis in die Puppen". Es ist erstaunlich, wie viele Menschen in der Kühle der Nacht plötzlich unterwegs sind. Wobei... oftmals fällt die Temperatur auch nachts kaum unter 25°C.
Der Ätna,  Herrscher über Sizilien
In der zweiten Woche unserer Anwesenheit auf Sizilien beschließen wir -mal wieder- auf Europas aktivsten Vulkan, den Monte Etna (so wird er auf Italienisch geschrieben) zu reisen. Im Deutschen wird er als Ätna bezeichnet. Die Einheimischen nennen ihn "Mongibello". Genau genommen können wir seinen rund 3.300 Meter hohen Gipfel allerdings momentan sowieso nicht erreichen, jedenfalls nicht mit dem Auto. Erstens plörrt er bereits seit Monaten mal wieder Lava aus einem seiner Krater - das ist logischerweise relativ gefährlich. Zweitens kommt man ganz da oben eh nur zu Fuß hin. Und drittens ist das Betreten der gefährlichen Zone ausschließlich in Begleitung erfahrener Vulkanologen gestattet. Alles andere ist unter Strafe streng verboten!
Uns reicht es, mit dem REDSTAR (und Marcel fährt natürlich mit seinem T3) so hoch wie möglich zu kommen. Für mich persönlich ist diese Tour mit dem T3 die Krönung und das Ziel seiner Restaurationsgeschichte. Ihn nach all dem schweissreichen Aufwand seiner Wiederherrichtung dort oben auf dem Dach Siziliens in der Sonne vor dem Hintergrund des qualmenden Schlotes förmlich wie eine Trophäe über den Sieg gegen Rost, Beulen und Vergänglichkeit in die Höhe zu strecken. We are the Champions!
Eine Besonderheit der diesjährigen Vulkan-Tour sind unsere Gäste: auch unsere sizilianischen Freunde wollen den Ätna erleben! Es ist dabei eine große Ehre, den Ältesten der Familie, Salvatore (85 Jahre alt), zum ersten Mal in seinem Leben auf den Vulkan zu bringen. Auch für seinen Sohn Mario (41) ist dies eine Premiere. Irene (46) hatten wir bereits 2010 mit dem Ätna bekannt gemacht - sie hat letztendlich mit ihren Schilderungen der Eindrücke von 2010 die Entscheidung ihres Vaters und des Bruders zum Mitreisen erleichtert.
Die A19 Richtung Catania
Als wir die Drei morgens abholen sind sie gut gelaunt und voller Erwartung. Um ihre Verständigung bemüht, plazieren wir sie zusammen in den REDSTAR. Marcel, Leah und Olivia sind im weißen Bluestar unterwegs gen Osten. Unsere Reise geht auf der SS 115 über Sciacca, Agrigento, dann per SS 640 nach Caltanissetta, danach durch Zentral-Sizilien auf der A19, vorbei an Enna Richtung Catania. Nach einigen Kilometern durch flirrende Gluthitze, das digitale Thermometer zeigt über 39°C Außentemperatur, erscheint links von uns die Silhouette des Ätna - mit einer deutlichen Rauchfahne.
Knapp eine Stunde später finden wir Schatten an einer Autobahntankstelle bei Catania - zur kurzen Pinkelpause! Anschließend wollen wir noch eben die "Gole di Alcantara", die Schlucht des Alcantara, bei Gaggi, in der Nähe von Giardini Naxos, besuchen. Dazu müssen wir in Richtung Norden und Messina auf die A18. Plötzlich höre ich etwas über Funk... kann aber gar nicht so schnell reagieren. Ein Blick in die Rückspiegel verrät: Marcel's Bulli fehlt! Was ist passiert? Ich stoppe mit Warnblinklicht auf der Pannenspur einer Ausfahrt. Kein Funkkontakt, Olivia geht auch nicht ans Handy...

Ich entscheide, die Autobahn zu verlassen, umzukehren und zurückzufahren. Als ich gerade wieder auf die Autobahn auffahren will, ruft Olivia an und erzählt etwas von plötzlicher Rauchentwicklung aus dem Armaturenbrett. Es sei aber soweit wieder alles in Ordnung. Wir verabreden uns auf dem nächsten Rastplatz. Dort finden wir einen an seinen Sicherungen und elektrischen Leitungen hantierenden Marcel. Der Ventilator für die Belüftung funktioniert nicht mehr - sonst gibt es keine weiteren Schäden oder Beinträchtigungen. Na, dann kann es ja weitergehen!
Nonno Salvatore (vorne) passt im
Schatten auf die Autos auf
Eine halbe Stunde später retten wir unsere Autos unter den Schatten von Kastanienbäumen auf einem Parkplatz vor der Schlucht des Alcantara. Dort halten wir einen kleinen Picknick ab. Nonno Salvatore will zwischen den Autos im Schatten sitzen bleiben. Wir schleichen bei sengender Hitze über den mit hunderten Autos besetzten Parkplatz zum Eingang der Attraktion. Ich war hier vor etwa zwanzig Jahren schon einmal. Damals war hier nichts los und man kam kostenlos bis zur Schlucht... heute bezahlen wir 11,- EUR pro Person und man hat das Gefühl in einen großen, beliebten Erlebnispark zu kommen. 
Freibadkollektiv
an der Schlucht
des Alcantara
Schnell wird klar, dass auch hier der Tourismus als einbringliche Quelle entdeckt wurde.

Wir fahren mit einem Aufzug (Elevatore) nach unten in die Schlucht. Dort unten erwartet uns ein offiziell zum Erlebnisfreibad missbrauchtes Naturschauspiel: Hunderte Menschen stehen, baden, schwimmen im eiskalten Wasser oder sonnen sich am Ufer des Alcantara-Flusses. Der hat sich hier in Jahrmillionen seinen Weg durch riesige Basaltfelsen gefressen. Normale Fotos zur Erinnerung sind nicht möglich - überall wuseln Badende herum! Echt ätzend! ...und vor allem keine 11,-EUR wert! Ich glaube nicht, dass so etwas in Deutschland erlaubt wäre.
 
Die Zeit, die wir hier verplempern, hätten wir auf dem Vulkan besser gebrauchen können. Also schnell zurück zu den Autos - wir packen Nonno Salvatore und unsere Sachen zusammen und starten grummelnd nach Zafferana Etnea.

Der Film zum Event


Von dort wollen wir hoch zum Rifugium Sapienza. Die Fahrt dorthin führt zunächst durch saftig grüne Wälder, typische Ätna-Dörfer und -Städtchen. Dann wird es immer etwas karger, man sieht immer häufiger die schwarzbraunen Lavasteine. Und im Hintergrund, hoch über uns, beobachtet uns immer wieder der kokelnde Vulkan.

Es geht hier die ganze Zeit wirklich steil bergauf, stellenweise kommt der REDSTAR nur im zweiten Gang voran. Seine Temperaturanzeige zeigt diese Anstrengungen deutlich, auch der große Kühlerlüfter vorne brummt wie ein Helikopter, fächelt Kühlwasser- und Öl dringend benötigte kühle Luft durch die Wärmetauscher.

Irgendwann weicht die Vegetation zurück, es folgt eine unwirkliche Mondlandschaft. Nichts als Lava, extrem kurvige Straße (Tornati), strahlendblauer Himmel, von dem die Sonne unbarmherzig herunterbrennt, und unten im Dunst sieht man das Meer und Häuser, Dörfer, Städte.
Es vergeht bummelig eine Stunde, bis man ganz dort oben in fast 2.000 Metern am Crater Silvestri ankommt. Vom Gipfel des Monte Etna trennen uns jedoch noch immer rund 1.300 Meter. Einige Meter davon könnte man sogar noch mit einer Seilbahn und/oder speziellen Unimogs bewältigen... aber dann ist endgültig finito! Obwohl... man könnte ja vielleicht... Nein! Wir behalten uns immer ein nächstes Mal vor. Vielleicht lassen wir uns ja beim nächsten Mal etwas höher bringen. Das ist ein wirklicher Grund, nochmal wieder zu kommen! Und ich bin jetzt schon zum fünften Mal hier oben!
Endlich erlebe ich den Ätna mal in Action
Aber diesmal ist der Ätna aktiv. Noch nie habe ich ihn hier oben in einer solch vulkanischen Aktion erlebt. Sicher, es geht wohl noch um Einiges wilder! Man liest und hört ja von schlimmen Ausbrüchen, von Lava, die ganze Ortschaften schluckt, von pyroplastischen Strömen und gigantischen Explosionen. Aber auch nur dieses tiefe Grummeln und hohle Grollen und Fauchen gefolgt von schwarzem Rauch ist neu für mich und schon beeindruckend. 
Mich beeindruckt allein der Gedanke, dass der Ätna, wenn er wollte, mit einem riesigen RRRrrrums hier und jetzt über Sein oder Nichtsein entscheiden kann. Und kein Mensch dieser Erde könnte das verhindern - weder mit Ratio noch mit Geld. Der Ätna lässt mich spüren, wie klein und hilflos ich bin. Und wie unbedeutend. Der Ätna macht nachdenklich.

Am Crater Silvestri
Auch Nonno Salvatore und Mario sind begeistert. Wir spazieren mit ihnen auf dem kleinen Crater Silvestri herum. Der ist vor etwa hundert Jahren entstanden... und stellt bis auf brodelnde Lava eigentlich alles dar, was man sich so unter einem Vulkan vorstellt. Während ich noch ein wenig in die Ferne schaue, nimmt der Rest der Reisegruppe auf der Terrasse einer Gastwirtschaft Platz. Hier oben sind es nur noch um die 22°C - nach den Tropentemperaturen vorhin auf der Autobahn eine wahre Erholung.
Glückliche Sizilianer
Mangiare am Ätna
Später stellen wir die Bullis mit den Schiebetüren zueinander in Sichtweite des Ätna-Gipfels auf dem Parkplatz des Rifugium Sapienza auf. Dazwischen halten wir ein gemütliches Picknick ab - immer wieder den Blick auf den grollenden Vulkan gerichtet.

So genießen wir auch den Sonnenuntergang, der den Rauch der Ätna-Eruptionen rot erscheinen lässt. Kurz bevor es dunkel wird, schleppen wir wie unter Zwang Vulkansteine in die Autos. Dieser alten Tradition habe ich bereits einige große Lavasteine im heimischen Teich zu verdanken.

Wir beobachten allerdings belustigt, dass sich auch andere Menschen aktiv am Abtrag des Ätna beteiligen. Irgendwann wird, dank uns steinsammelnden Menschen, dieser Vulkan in den Vorgärten, Teichen, Glasvitrinen und Regalen der ganzen Welt verschwunden sein! Nein - mal im Ernst: speziell für die Steinsammler wird ja ständig Lavamasse frische nachproduziert - keine Panik, es wird also immer genug erkaltetes Lavagestein zum Abtransport bereit liegen!
Der Ätna wird langsam abgetragen

Beim Abfahren entdeckt

So beladen treten wir schließlich den Heimweg an. Kaum, dass wir den großen Gipfelparkplatz verlassen haben und die ersten Kehren unter die Räder nehmen wollen, kommt per Funk von der Crew des weißen BLUESTAR ein Aufschrei. "Da ist glühende Lava zu sehen!". Wir halten unverzüglich an - und Tatsache: ein faszinierendes Feuerwerk der Natur will noch unbedingt auf den Datenträgern unserer Kameras gespeichert werden. Nonno Salvatore muß ein bisschen beruhigt werden: "Nein, die Lava kommt nicht hier herunter gelaufen!". Es vergeht auf dem Weg zurück noch fast eine Stunde, in der wir immer nochmals wieder die wild sprühende Fontaine glühender Lava am Hang des Ätnas sehen können. Doch irgendwann siegt die Dunkelheit und wir folgen schweigend unserem Ziel - nach Hause!

Es geht weiter mit Teil 3


Kommentare:

  1. Toll ! Ich glaube das muss ich auch mal in meine Liste von Zielen aufnehmen :-)

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Bulli Team,
    tolle Bilder und ein schöner Reisebericht. Schnüff, leider ohne Tempomat beim Redstar. Katja&André

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ... von wegen, André. Den Tempomat habe ich noch zum Laufen gebracht. Und habe ihn auch prompt reichlich gebraucht!

      Löschen
  3. Wiedermal ein sehr schöner Urlaubsbericht! Wie verhält sich der Verbrauch des TDI im Bulli zum TD?

    AntwortenLöschen
  4. Danke, Maik!

    Der TDI verbraucht geringfügig weniger... wenn beide wirklich auf gleiche Art bewegt werden! Allerdings hatte der REDSTAR auch noch den Jetbag drauf.

    AntwortenLöschen