Sonntag, 4. Mai 2014

Letzter Besuch in der grünen Hölle


Immer, wenn ich auf der Autobahn an Pinneberg vorbei fahre, überkommt mich so ein komisches, beklemmendes Gefühl. Pinneberg ist für mich noch immer ein Ort des Zwangs, des Widerwillens und gewissermaßen auch des Eingesperrtseins. Nach Pinneberg wurde ich damals, 1985, zum Bund eingezogen. Es folgten drei quälende Monate Grundwehrdienstzeit - Zeit, die man mir Kraft Gesetzes stahl. Zeit, in der das Vaterland mich und die mit mir einkasernierten Leidensgenossen mit unbarmherziger Härte zu gehorsamen Befehlsempfängern zu erziehen versuchte. Es sei an dieser Stelle gern nochmal erwähnt: DAS IST EUCH NICHT GELUNGEN! Zumindest nicht in meinem Fall.

Trotzdem haftet Pinneberg noch immer eine negative Aura an. Deshalb besuchte ich neulich nochmal den unbequemen Ort des Zwanges. Durch Leserkommentare zu meinen Beiträgen "Ja, ich war Bundeswehrsoldat, ein toller Typ... Teil 1" und "Ja, ich war Bundeswehrsoldat, ein toller Typ... Teil 2" war mir bereits bekannt, dass die Eggerstedt-Kaserne ein inzwischen nicht nur mental sperriger und ungeliebter Ort ist. Nachdem die Bundeswehr das unselige Gelände wie eine Schleckerfiliale nach dem Konkurs verlassen hatte, eroberte jahrelang lediglich die Natur es zurück. 2013 brannte das Unteroffiziersheim aus - sollten auch andere Geister den Unmut der Vergangenheit über diesen Ort ausschütten? Man weiß es nicht.

Heute...

... und früher

Als ich Anfang Mai 2014 - inzwischen fast auf den Monat genau neunundzwanzig Jahre nach meinem Wehrpflichteinstand - mit unserem Auto vor dem ehemaligen Tor stehe, ist der Name der Kaserne nirgendwo mehr zu lesen. 

Am Torpfosten steht zwar etwas von Privatgelände, Bundeseigentum und Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, die Tore stehen jedoch sperrangelweit offen. Na ja, wenn's Bundeseigentum ist, dann gehört's uns ja letztendlich Allen. 

Da wir heute ja nur schauen wollen, rollen wir mal vorsichtig auf's Gelände. Vorn links sind schwere LKW und Bagger damit beschäftigt, die Reste des ausgebrannten Unteroffiziersheims abzutragen. Hier sieht es aus wie Dresden 1945. Doch dieses Gebäude ist für mich nicht so interessant.
Dahinter erstreckt sich der Sportplatz

Dahinter ist der Sportplatz zu erkennen. Seine Fußballtore stehen noch immer, die Aschebahn rundum ist auch noch zu erahnen. Der einstmals geschorene Rasen ist allerdings inzwischen mehr Wildwiese - die Stelle, wo zu meiner Zeit die Hubschrauber für unsere Übung landeten.
Heute... (das Gebäude wird, wie gesagt, gerade weg geräumt)
... und früher

Ist die Kartoffelpampe immernoch an der Decke?

Ebenfalls dahinter links steht noch immer das Kantinengebäude. 

Ob unter seiner Raumdecke noch immer unser NATOkleister - ehm, sorry, der mit Wasser angemachte und per Löffel dorthin katapultierte Kartoffelbrei - hängt? Ich will es gar nicht wirklich wissen, habe aber spontan den pappigen Geschmack der ekligen Kartoffelpampe im Mund!

Pracht-Boulevard - lang ist's her

Der einstmals so breite Hauptfahrweg der Kaserne ist heute mehr ein zugewachsener Waldweg. Die Büsche und Bäume ringsum hatten viel Zeit und Ruhe prächtig zu gedeihen. So zugewachsen fällt es mir schwer, mich an das damalige Aussehen zu erinnern. Ganz am Ende rechts war der Exerzierplatz, davor "unser" Block mit den Unterkünften. Beides ist in ähnlich zugewachsenem Zustand noch wieder zu finden. Aber alles erinnert mich sehr an eine grüne Hölle. Täuschen, Tarnen und Verpissen! Und das passt heute noch immer!
Exerzierplatz heute... 

... und früher

"Unser" Block: hinter dem ersten oberen Fenster (hinter dem Baum) war "unsere" Stube

Ich zeige Olivia das Fenster meiner Stube. Auch das Fenster zu dem langen Flur, in dem wir manchmal antreten mussten.

Dahin, wo damals auf dem Hof täglich der Appell stattfand, passt heute nicht mal mehr ein Auto - es ist alles zugewachsen.
HIER fand damals meistens der morgendliche Appell statt

Mitten vor der breiten Aussentreppe wächst ein dicker Baum. Die Treppe wurde ich vor dreißig Jahren hochgescheucht, um dem giftigen StUffz Fliege zu beweisen, dass mein Gewehr NICHT unbewacht in der Stube herumstand - sondern ordnungsgemäß im Spind eingeschlossen und somit gesichert war. Ein paar Fenster weiter waren die Waschräume und Toiletten. An einer der Toilettentüren hatte ich als Zugsprecher doch eine Ausbilderhitliste zur allgemeinen Bewertung der Vorgesetzten ausgehängt. Ach ja - alte Zeiten, lang ist's her.
Direkt vor dem Aufgang ist dieser Baum heimisch geworden

Blick zu den Waschräumen und den Toiletten
Kein Durchkommen mehr
Hier kamen früher sogar LKW durch

Mitten in Pinneberg - die grüne Hölle

Als wir schließlich durch die grüne Hölle langsam wieder zurückfahren, kommt uns ein Fahrzeug entgegen... und hält. Ein Sicherheitsdienst weist darauf hin, dass wir hier eigentlich nichts zu suchen haben. Als ich ihm erkläre, dass ich gerade nur meine Vergangenheit zu bewältigen versuche, lässt er mich weiterziehen. 

Keine einhundert Meter weiter stellt sich mir ein Bauarbeiter des für den Abriss des Unteroffiziersheims (wie gesagt; Dresden 1945!) zuständigen Unternehmens in den Weg. Er schiebt sofort eine unglaublich wichtige Welle. Was wir denn hier machen würden, ob wir nicht lesen könnten. Was wir denn wohl sagen würden, wenn er auf unserem Privatgrundstück herumkurven würde - er fände unser Verhalten unmöglich... BLA BLA BLA

Der Typ macht mich durch seine schnoddrige Art augenblicklich aggressiv. Obwohl ich ihm vernünftig erkläre, dass ich hier früher meinen Wehrdienst versehen musste und die alten Gebäude ein letztes Mal sehen möchte, erzählt der Unfreundliche mir sehr schroff, dass er sich solche Geschichten täglich x-Mal anhören müsse.

Kann ein Ort eigentlich seine schlechte Aura - oder die miesen Auren der Menschen, die dort vor vielen Jahren lebten und wirkten - an Menschen, die dort später leben und wirken, vereben? Kann Aura Menschen verstrahlen? Wenn ja - welche Halbwertzeit hat diese schlechte Aura dann eigentlich? Wie dem auch sei: mir scheint, dass speziell dieser Ort seine Menschen zu SCHEISSTYPEN macht. Wenn man sich dagegen nicht wehrt! Sonst gehörte ich ja auch zu diesen verstrahlten Wichtigtuern, die sich nichtmal spontan in die Gefühlswelt eines ehemaligen Zwangseingesperrten versetzen können.


Doch andererseits hat die Reaktion des beknackten Typen auch einen guten Moment: er macht mir den Abschied von der ungeliebten Eggerstedt-Kaserne, der heutigen grünen Hölle und einem Teil meiner Vergangenheit, ein enormes Stück leichter.

"Los, du Arsch - reiss' den ganzen Scheiß doch endlich ab! Auch Dank dir komme ich hier ganz sicher nie wieder her!" 

Bye, bye Pinneberg,
Bye, bye Eggerstedt-Kaserne.
Tja - das war's dann wohl! Ende, aus, Feierabend

Kommentare:

  1. Moin Andreas, danke für Deine Eindrücke! Mir fällt bis heute der Nachname von Deinem Stuffz Fliege nicht ein, ich dachte es wäre Kovac oder ähnlich, aber das war doch wohl noch ein Anderer. Die von Dir beschriebene Aura dieses Ortes hat sich auf mich, trotz der damals 15 Monate dort, glücklicherweise nicht übertragen. Entscheidend ist wohl, wie man mit den Gegebenheiten umgeht. Ich weiß das es auch beim Stammpersonal, auch der anderen Kompanien,einige gab, die sich von den Durchgeknallten unterschieden haben und ihre Entscheidung über ihre Verpflichtung zutiefst bedauert haben. Nach dem Motto " sie waren jung und brauchten das Geld", oder "denn sie wissen nicht was sie tun" :-) Mit diesen Leuten hatte man nach Dienst noch ziemlich viel Spaß (und ich meine nicht den auf Kosten der Rekruten), so dass ich zu meiner Zeit dort sagen kann: selten so gelacht. Da haben die von Dir und von Anderen in den Blogs beschriebenen "Figuren" beigetragen, ohne das sie es wollten. Danke nochmal für die Fotostrecke!

    Alles Gute!

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  2. Moin Bingo,

    wie wahrscheinlich überall gibt/gab es natürlich auch beim Bund einerseits Menschen, die in der Tiefe ihrer Seele wirklich brauchbar sind/waren und andererseits welche, denen das Ausüben von Macht und Herrschaft über andere Menschen einen innerlichen Reichsparteitag beschert/e. Warum sich Menschen so unterschiedlich entwickeln und verhalten, möchte ich an dieser Stelle nicht wirklich vertiefen. Für mich steht nur fest, dass Menschen, denen ein adäquater beruflicher Umgang mit ihnen anvertrauten Menschen nicht möglich ist, schlicht und einfach nicht auf einen solchen Posten gehören.

    Das ist jedoch sicher kein spezifisches Problem der Bundeswehr, sondern eine allgemeine Erscheinung unserer Gesellschaft. Leider gilt mehr denn je die berühmte Devise "Du musst ein Schwein sein auf dieser Welt" als Schlüssel zum Erfolg. Schade ist dabei, dass ein mögliches Gewissen (der betreffenden Personen - wenn es denn irgendwann mal einsetzt) erst immer sehr zeitversetzt "die große Quittung" präsentiert.

    Irgendwann steht schließlich jeder mal vor dem großen golden Tor und bittet um Einlass - dann wird Tacheles geredet und auch ein "Arschloch" wird erbarmungslos enttarnt. Bekanntlich entscheidet sich an dieser Stelle, ob der weitere Weg nach oben in den Himmel oder nach unten in die Hölle geht.

    Diese Sichtweise mag zwar sehr pathetisch klingen - das hält mich persönlich jedoch nicht davon ab, meine Mitmenschen auch zukünftig so zu behandeln, wie ich von ihnen behandelt werden möchte. Getreu dem Motto "wie man in den Wald ruft, so schallt es zurück!".

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  3. Wie friedlich so ein Ort werden kann wenn man der Natur die Zeit gibt -habe seit 1974 in der Rabenstrasse gelebt und als Kinder kamen wir auf dem Weg zur Schule durch den Heideweg an der Kaserne entlang -mir machte es manchmal Angst wenn die Soldaten hinter dem Zaun Wache schoben - unseren Schulabschluss 1983 haben wir dort gefeiert - glaube rechts vom Eingang im Haus.
    Alles Gute!!!

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  4. Habe hier 1971 meine Grundausbildung abgeleistet.
    war für mich eine schöne Zeit.

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  5. Lieber El Gigante, ich kann und muß Dir in allem was Du schreibst Recht geben. Ich war ja vom 2.1.80 bis 31.3.80 in Pinneberg in der 8. als Tastfunker und habe nur schlechte Erinnerungen. Er war der Ton der vom ersten Tag an dort herschte, es ging um Eier abr... Ars...aufreissen usw. Ständig wurde von bestimmten Ausbildern nur gebrüllt. Und am Ende dann in der Stammeinheit wurde dann gesagt das Tastfunker nun überhaupt nicht gebraucht werden und ich durfte den Rest der Wehrpflichtzeit als einziger Nicht-Elektriker unter vielen Elektrikern und ausgebildeten Richtfunkspezialisten verbringen. Alles nur schlechte Erinnerungen, es grüßt der ehemalige Flieger Aspelmeier

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  6. Hallo El Gigante,

    vielen Dank für die schönen Fotos, die ich mir mit etwas Wehmut angeschaut habe.
    Von Juli bis September '82 habe ich meine Grundausbildung in der 3. Kompanie (Fernmeldemechaniker Fernschreibgeräte) erhalten. Direkt nach dem Abi war das eine klasse Zeit, so irgendwie zwischen Pfadfinderlager und Abenteuerurlaub, Y-Reisen halt.
    Wir waren eine witzige Stubengemeinschaft mit Kameraden aus dem gesamten alten Bundesgebiet, von Flieger Klemmer aus dem Allgäu, über den Brauer aus Kulmbach und den Kfz-Mechaniker aus der Eifel bis hin zu einem Hamburger Jung, der sonntagabends immer als letzter kam.
    Selbst das Gelönbnis in der Haseldorfer Marsch, bei dem es im Anschluß wie aus Eimern schüttete und das mir im Nachgang eine Lungenentzündung bescherte war aus damaliger Sicht beeindruckend.
    Ich freue mich für unsere Kinder, die nicht mehr zum Bund müssen, wenn sie nicht wollen, aber dümmer gemacht hat mich diese Erfahrung sicher nicht.
    Grüße von der Ostsee.

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    1. Hallo Flieger Huß,
      Ich war zur selben Zeit am selben Ort und bin mir ziemlich sicher, mich noch an dich zu erinnern. Ich behauptete damals, dass ich ein Westfalen bin, was auch immer noch stimmt und du wusstest nicht so genau, wozu du als Lübecker gehörst. Ich sagte "Hanseat".
      Ich war in der 8-Mann-Stube, hatte sonst keinen Kontakt zu dir.
      Gruß aus Gelsenkirchen

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  7. Hallo Andreas,

    ja auch ich war in dieser Kaserne von Januar bis Ende März 1988 und machte meinen Grundwehrdienst...lang ist es her..
    meine Zeit dort mit den weiteren 7 Stubenkamaraden war im Grunde sehr sehr lustig...denn sie kamen aus allen Teilen der "Alten Bundesländern" ( Bayern, Baden-Württemberg, NRW und Niedersachsen) Ich hatte noch die einfachste Anreise, denn ich kam von Ostfriesland....und hatte eine nur dreistündige Anreise Sonntags...die anderen teilweise bis zu 10 Stunden Reiseweg mit der Bahn....
    Ich war in der 5 Kompanie im 3.Zug in der Ausbildung zum Flugabfertiger...leider hatten wir mehr Unterricht als dass wir draußen unterwegs waren....
    Wir hatten allerdings jeden zweiten Abend Party im "Mannheim" ...ich erinnere mich sehr gerne zurück auch wenn es dort natürlich überwiegend "geistige Tiefflieger" als Ausbilder gab...ich glaube die hatte jeder und jeder hatte auch seine "Haßbilder"...aber die haben mein weiteres Leben nicht negativ beeinflußt..sondern ich habe durch die Bunderwehr gelernt, was ich nicht will....nie so werden wie ein Zeit- oder Berufssoldat...halt kein Zivilversager ....
    heute führe ich, seit ca. 15 Jahren meine "eigenen" Mitarbeiter als Team und nicht als Untergebene....
    die Kaserne als solches hat mir nie Angst gemacht und es ist nur schade dass aus dem Altbestand der Gebäude nie etwas richtiges gemacht wurde...Dein Blog ist übrigens sehr gut und ich habe schon viel geschmunzelt...
    Gruß aus Ostfriesland
    Marc

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    1. Hallo zusammen! Ich war überrascht, diesen Beitrag zu finden. Ich habe auch 3 Monate meines Lebens dort verschwendet, 4. Quartal 1971. Da wir irgendwas mit Fernschreibern zu tun hatten, war es wohl die 3. Kompanie. Mir ist ein Hauptmann Pompe in Erinnerung, der ein bißchen doof wirkte. Einen StUffZ Bleckstedt gab es noch, an mehr Namen erinnere ich mich nicht. Was die "Ausbilder" betrifft, reichte die Palette von furchtbar lieb bis Berufs-Sadist. Ich habe noch ein Bild der gesamten Kompanie und eines von unserer Gruppe (hieß das so?). Geschadet hat es mir nicht, die danach folgende Zeit beim AFSBw in Frankfurt war eigentlich staatlich bezahlter Urlaub. Zwar halte ich es für unwahrscheinlich, aber vielleicht errinnert sich einer an diese Zeit und meldet sich mal. Aus der nächsten oder übernächsten Stube kam ein gewisser Günther, Nachname vergessen, aus dem Norden. Ein kleiner schmaler Mensch, dem die Grundausbildung nicht so recht bekommen ist. Mit ihm war ich zeitweise ein wenig befreundet. Sonst gab es bei uns private Kontakte nur beim Saufen.
      Bernd Jung
      beju51-54@gmx.de

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  8. Hallo "alte Kameraden"...ja, auch ich war in Pinneberg und zwar vom 01.04.1971 (8. Kompanie) bis zum 01.10.1972...in den ersten 3 Monaten als Rekrut und danach als stv. Gruppenführer und nach meinem UL in Iserlohn als Gruppenführer. Ich habe die Zeit in Pinneberg (Disco Karina) in bester Erinnerung und auch HptFW Lontzek kann mir das nicht vermiesen...obwohl der schon sehr "speziell" war. Nach meiner Zeit in Pinneberg bin ich noch 3 weitere Jahre durch die Luftwaffe gepilgert, die ich dann im April 1975 in Ottobrunn bei München verlassen habe. Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt "eingesperrt" gefühlt...es war eine tolle Zeit !
    Nach gefühlten 100 Jahren weitere Wehrübungen bin ich dann mit 45 jahren als OFw d.R. ausgemustert worden. Ich bin Detlef Radzuweit.

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