Dienstag, 5. Oktober 2010

Gimme Moor(e) oder: Audis versenken

Störung der Mobilität?
Selten stößt der gemeine Autofahrer (Homo automobilis) an die Grenzen seiner kostbaren Mobilität und noch seltener überschreitet er diese sogar. Wissenschaftlich ausgedrückt: abhängig vom Einsatzgebiet der motorisierten Mobilitätshilfe bieten sich unterschiedliche Störungen der Fortbewegung an. Spontan fällt mir da der Stau, die Panne oder eine plötzliche Dürreperiode im Tank, schlimmstenfalls leider auch ein Unfall ein.








Mein persönlicher Favorit liegt jedoch in einem ganz anderen Bereich: da ich gern beim Autofahren einen ausgeprägten Hang zum Experimentieren entwickle, ist bei mir ein durchaus bescheuertes Faible fürs Festfahren erkennbar. Und ich kann inzwischen von einem wahren und reichen Erfahrungsschatz berichten:


Mein T2, den ich mal bis zu den Achsen in den Sand
gesetzt hatte
…ob nachts in Süditalien in Strandnähe die eben noch geteerte Straße plötzlich und unerwartet in herrlichsten aber leider grundlosen Sand übergeht, in dem mein T2-Wohnmobil bis zu den Achsen versinkt, sodass ich ebenerdig aussteigen kann…







Mein T3 auf Sizilien
…oder ob wenige Jahre später auf einem entlegenen, tonigen, sizilianischen Feldweg bei jeder hilf- und haltlosen Umdrehung der Räder meines T3-VW Busses der Abrollumfang bigfootmäßig zunimmt…


…ob auf dem Parkplatz vor dem Opelzoo in Königstein bei Frankfurt, dessen ebenfalls lehmiger Untergrund die Begutachtung meines logischerweise dort festgefahrenen T4-Caravelle zu einer unverhofften Comiceinlage werden lässt, weil sich mit jedem meiner Schritte um den Wagen die Lehmschichten unter meinen Schuhen zu addieren beginnen und ich am Ende auf Plateauschuhen herumlatsche…

Mein Audi 80 wollte mal partout nicht durch eine Schneewehe
…auch der Versuch, mit meinem Audi 80 (B4) mit Schmackes durch eine Schneewehe zu pflügen, endet mit dem Ergebnis, dass der Wagen „mit dem Bauch“ auf dem Schneeberg aufliegt und die Räder zwar in der Spur, aber gleichzeitig in der Luft hängen – der nächste Bauernhof ist Kilometer entfernt, verfügt aber wenigstens über einen Traktor…








Wie schafft man es, sich in handtellergroßen
Steinen festzufahren? El Gigante fragen!
…meine vorerst letzte Aktion: unlängst im Urlaub mit unserem VW Touran an einem sizilianischen Strandabschnitt, der durch seine faustgroßen, rundgewaschenen, weißen Steine bekannt ist. Beim strandnahen Parken lerne ich diesmal, dass sich auch 205er Reifen selbst zwischen Steine dieser Größe prima einbuddeln mögen. Schweißgebadet habe ich das Fahrzeug in praller Sonne und größter Hitze zwar schließlich nach einer halben Stunde wieder flott, meine Abkühlung im Mittelmeer ist allerdings mehr als dringend erforderlich.






Den aktuellen Höhepunkt findet meine Karriere als „Karre-in-den-Dreck-Fahrer“ beim Fotoshooting zum Thema „Bonsai-Audi". Da meine Frau Olivia seit Kurzem auch einen Audi A2 ihr Eigen nennt und ich zudem A2-Bilder für den nächsten Artikel auf „Sandmanns Welt“ benötige, wollen wir an diesem sonnigen und erstaunlich warmen Oktobersonntag, dem Tag der deutschen Einheit, ein paar schöne Fotos von unseren zwei in Ausstattung und Farbe fast identischen Audi A2 „schießen“.
Bei diesem Bild war die Welt ja noch in Ordnung...
Am Set im Moor bugsieren wir unsere Autos auf einem schmalen Weg nebeneinander und lichten uns per Selbstauslöser vor den Fahrzeugen ab. Für die nächste Einstellung sollen die Klein-Vans auf eine Wiese. Beim Versetzen meines Wagens rutscht das rechte Vorderrad allerdings so ungünstig über einen grasbewachsenen Torfrand, dass der Vorderwagen aufliegt und sich trotz aller Bemühungen nicht zu einer Lageveränderung bewegen lässt.





... einfach weggerutscht. Da ist nichts mehr zu machen!
Ohne Abschleppseil und Spaten ist es aussichtslos. Während Olivia mit ihrem Auto das nötige Bergungsequipment von zuhause holt, bedauere ich ein wenig mein in der Einsamkeit dieses norddeutschen Hochmoores gestrandetes Meisterwerk deutschen Aluminium-Automobilbaues. Was hilft mir jetzt dieses prämierte innovative Audi-Space-Frame, was bringt der klassenbeste cW-Wert von 0,25, welchen Nutzen kann ich in dieser Situation aus dem sparsamen Pumpe-Düse-Triebwerk ziehen und machen die roten Perlnappa-Ledersitze jetzt noch Sinn?


Wehmütige, ja fast bange Minuten des Wartens
auf das Bergungsequipment
Noch weht ein warmer Wind durch die einsame Weite dieses unberührten Stückchens niedersächsischer Natur. Habe ich dieses Idyll mit meinem A2 zu aufdringlich gestört? Fordert sie nun Tribut für mein ungefragtes Eindringen? Leise wiegen sich die trockenen Halme des Grases in der lauen Herbstluft und die ersten Birkenblätter fallen auf verblühte Heide. Erst jetzt fällt mir diese unglaubliche Stille auf… genau deshalb lebe ich auf dem Lande. Aber das ist eine andere Geschichte.






Rettung naht - ich verfüge über ein Abschleppseil
Das typisch kernige 3-Zylinder-Diesel von Olivias A2 ruft mich zum Problem zurück. Ein Seil, ein Spaten, zwei Erwachsene, ein Kind (Stieftochter Leah will sich den versackten Stiefvater nicht entgehen lassen!) und ein freier A2 sollen die Sache jetzt in Ordnung bringen. Erst der theoretische Teil: Meinungen, Erfahrungen, Berechnungen, Schätzungen, Möglichkeiten werden bedacht und ausgelotet.







Vorwärts ziehen: hilft nix! Mist!
Jetzt Action: Mit dem Seil wird an meinem Auto vorne, aber rückwärts gezogen. Keine Regung!














Auch rückwärts gezogen ist das nicht der Bringer!
Plan B: wie gehabt, aber das ziehende Fahrzeug jetzt vorwärts. Nichts! Langsam stinkt’s mir. Ach nee, das ist die Kupplung von Olivias Auto. Vorwärts werden wir mein Auto da so nicht heraus bekommen. Probieren wir’s also rückwärts. Ich schaue mir aber vorher nochmal die Lage um die Reifen an. Nur der vordere Rechte ist irgendwie blockiert, die anderen sind frei.








Tolle Sonntagsbeschäftigung: Torfstechen
Spaten her! Dann buddel’ ich den erstmal frei! Ich hole Schwung…und spüre die angewandte Power den eigenen Körper erbeben. Das zähe Moorgras wirft den Spaten einfach immer wieder zurück. Ich komme da nicht rein. Tolle Wurst! Langsam werde ich sauer. Mit den Händen reißt Olivia die Grassoden heraus. Ich unterstütze sie indem ich den Boden unterhöhle und so die Wurzeln lockere. Schließlich schaffen wir zusammen eine Rampe. So könnte es gehen.





... endlich wieder frei!
Also werfe ich das Seil über die Anhängerkupplung von meinem A2 und befestige die andere Seite am hinteren Abschlepphaken von Olivias Audi. Und los! Sie zieht nach vorn, ich fahre nach hinten und plötzlich ruckt es, Gaaaas…und schwupp, steht mein Alu-Zwerg wieder mitten auf dem Weg.


Meine Güte, andere genießen jetzt ihren Sonntag-Nachmittags-Kaffee und Kuchen – wir stechen lieber Torf im Moor. So blöde kann man doch gar nicht sein! Nachdem wieder alle Hilfsmittel verstaut sind, will ich endlich und trotzdem die geplanten Fotos machen!


Audi & Besitzer in the sun
Wir fahren also auf die vorhin schon avisierte Wiese und “schießen” in der Abendsonne noch ein paar Fotos. Als wir uns schließlich auf den Heimweg machen, beobachte ich beim Losfahren im Rückspiegel, dass Olivia mir nicht folgt… warum wohl nicht?









Zeugen eines Kampfes... den wir für uns entscheiden konnten
Der aufmerksame Leser ahnt es schon…
… so kann ich mich dann mit dem Abschleppseil umgehend bei meiner Frau revangieren. Quasi als Beitrag zum Tag der deutschen Einheit.

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